KLV-Besichtigungsbericht aus dem „Protektorat“
Über die Besichtigung von KLV-Lagern mit Essener Schülern im Protektorat Böhmen und Mähren liegt folgender Bericht aus der 2. Januarhälfte 1944 vor:
„Besuch der KLV-Klinik in Prag, die in einer der hervorragendsten und modernsten ehemaligen Privat-Kliniken untergebracht ist. Der Gesamteindruck war vorbildlich. Die KLV-Klinik verfügt über eigene Röntgenanlagen sowie über mehrere Durchleuchtungs- und Bestrahlungsanlagen. Die ärztliche Betreuung erfolgt durch von der Wehrmacht abgestellte Ärzte, sowie bei Notwendigkeit durch die bedeutendsten Professoren der Universitätsklinik in Prag. Die weitere Betreuung der Kranken erfolgt durch N.S.V.-Schwestern. Verpflegung und Unterbringung der Kranken sind vorbildlich. Die Führung erfolgte durch den leitenden Arzt des Gesundheitsdienstes der KLV Böhmen und Mähren, Stabsarzt Dr. Gürtner, der gleichzeitig einen allgemeinen Überblick über die vorbildliche gesundheitliche Betreuung in der KLV des Protektorats Böhmen und Mähren gab.
Besuch der Erholungslager in Ober-Tschernoschitz b/Prag, in die genesende Kranke eingewiesen werden. Es gibt Läger für genesende Scharlach-Kranke, Diphterie-Kranke und allgemeine Erkrankungen. Der Gesamteindruck war hinsichtlich Unterbringung und Betreuung wiederum vorbildlich, die Verpflegung ist ganz ausgezeichnet und reichhaltig. Durch Sonderzuteilungen ist sie besonders gut und vielseitig gestaltet. Zur Betreuung steht jedem Lager eine Vollschwester und 1 GD-Mädel zur Verfügung. Für alle 3 Lager ein ausschließlich für die Lager tätiger deutscher Arzt.
In den Erholungslagern wird ein leichter Schulunterricht erteilt, der auf die körperliche Konstitution der Genesenden Rücksicht nimmt.
Besuch der KLV-Lager Schloss Hubertus und Schlosshotel in Bad Julowisch. In beiden Lagern sind Essener Volksschülerinnen untergebracht. Die Unterkunft, Verpflegung und Betreuung sind ebenfalls vorbildlich und durch nichts mehr zu überbieten. Die Stimmung der Lagermannschaft ist ausgezeichnet. Das Verhältnis zwischen Führung und Mädel ist besonders herzlich. Die Mädel haben alle den Wunsch, dass ihr Aufenthalt in der KLV nicht so bald enden möge. Die Freude über den Essener Besuch war außerordentlich groß.
18.1.1944.
Besuch der KLV-Lager Haus Kawka und Mala Skala in Klein Skal. In beiden Lagern sind Mädel der Maria-Wächtler-Schule untergebracht. Im „Haus Kawka“ ist die Unterbringung gut, zweckmäßig und entspricht den Anforderungen, die an ein Mädellager gestellt werden müssen. Nach Aussagen der Mädel ist die Verpflegung gut und ausgezeichnet. Die Mädel sind zufrieden und fühlen sich wohl. Das Fehlen einer Lagermädelführerin macht sich unangenehm bemerkbar, weil die HJ-mäßige Ausrichtung des Lagers zu wünschen übrig lässt und sich seitens der Lehrerschaft eine konfessionelle Strömung bemerkbar macht. Die KLV-Dienststelle Prag wurde darüber unterrichtet und bemüht sich um Abstellung.
Die Unterbringung im „Haus Mala-Skala“ ist sehr primitiv, die Räume sind überlegt und entsprechen daher nicht mehr den Anforderungen, die man an ein Mädellager stellen muss. Die hygienischen Verhältnisse sind gleichfalls unerfreulich. Sie reichen bei Mädel, zumal bei der derzeit engen Belegung, nicht aus. Eine Auflockerung des Lagers ist daher dringend notwendig, zumal es sich um Mädel der Klassen 6-8 handelt. Die Verpflegung ist nach Aussagen der Mädel ausreichend, könnte jedoch nach allgemeinem Eindruck besser und liebevoller hergerichtet sein. Eine erbetene Wirtschaftsprüfung wurde inzwischen bereits durch die KLV-Dienststelle Prag befohlen. Im Ganzen gesehen fühlen sich die Mädel wohl, was bei den verhältnismäßig primitiven Verhältnissen beinahe erstaunlich ist.
Die Lehrerschaft ist in diesem Lager besonders überaltert, jedoch ist im Augenblick keine Änderung möglich. Die HJ-mäßige Ausrichtung dieses Lagers lässt gleichfalls zu wünschen übrig. Die Tatsache liegt jedoch darin begründet, dass die Schülerinnen der höheren Klassen sich zunächst stark den schulischen Belangen widmen müssen, um die vorhandenen Lücken aufzufüllen.
Mit der KLV-Dienststelle Prag wurde bezgl. der Auflockerung des Lagers vereinbart, dass nach Abgang der Klassen 8 im Laufe des Monats Februar 1944 keine Auffüllung erfolgt. Da die Abgänge 35 Mädel betragen, ist die Unterbringung dann ausreichend.
Besuch des KLV-Lagers Horschitz, in welchem die Jungen der Krupp-Oberschule untergebracht sind. Die Unterbringung ist vorbildlich, das Haus für die KLV-Lager geradezu wie geschaffen. Die Verpflegung ist nach Aussagen der Jungen ganz hervorragend, wofür die allgemeinen Gewichtszunahmen sprechen. Lagerführung und Lagermannschaft bilden eine vorbildliche Harmonie, die in einer ausgezeichneten Stimmung des ganzen Lagers ihren Ausdruck findet. Es ist hier besonders das glänzende Zusammenwirken der schulischen und HJ-mäßigen Belange hervorzuheben. Das enge, kameradschaftliche Verhältnis zwischen Lagerleiter und Lagermannschaftsführer, die sich gegenseitig ergänzen, ist Grundlage für die hervorragende Stimmung.
Besuch des KLV-Großlagers Bad Bogdanetsch, in dem die Mädel der Essener Mittelschulen untergebracht sind. Die Unterbringung in großen und weiträumigen Hotels ist ausgezeichnet, die Verpflegung wurde von den Mädeln als gut bezeichnet. Der Geist des Lagers ist schlecht, da keine einheitliche Führung vorhanden ist. Der Grund hierfür ist in der äußerst herrschsüchtigen Schulleiterin Frau Direktorin Pruys zu suchen, die der „böse Geist“ des Lagers geworden ist und sich in alle Belange des Lagers einmischt, obwohl sie dazu gar nicht berechtigt ist. (Als Schulleiterin ist ihre Arbeit durch schulische Aufgaben begrenzt) Es wurde daher von der KLV-Dienststelle Prag gefordert, dass sie sich in Zukunft aus allen Lagerangelegenheiten herauszuhalten habe, und ihr eine „Bewährungsfrist“ zugebilligt. Ebenso soll die bisherige Lagerleiterin, die gesundheitlich ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen ist, durch eine bisherige Lagerlehrerin abgelöst werden. – Auch in diesem Lager machte sich die Überalterung des Lehrkörpers stark bemerkbar. Diese alten Damen haben in der Masse kein Verständnis mehr für die Jugend, sind mangels Einfühlungsvermögen mit der Lagermannschaft der Keim zur schlechten Stimmung und zum Heimweh, und daher für die Kinderlandverschickung völlig ungeeignet. Diese Tatsache konnte in allen Lagern der Mädel-Ober- und Mittelschulen immer wieder festgestellt werden.
19.1.1944.
Besuch des KLV-Lagers Heiligenberg bei Olmütz, in dem die Viktoriaschule untergebracht ist. Das Lager besteht aus zwei Häusern, die beide unterbringungsgemäß ganz hervorragend sind. In einem modern eingerichteten ehemaligen Kinderheim sind die Klassen 1-4 untergebracht. Unterbringung, Verpflegung und Betreuung sind ganz ausgezeichnet. Die Mädel fühlen sich sehr wohl und haben auch von sich aus den Wunsch, weiter in der KLV zu bleiben. Die HJ-mäßige Ausrichtung dieses ersten Lagers ist gut.
Die Oberklassen 5-8 sind in einem zum Kloster Heiligenberg gehörenden Neubau sehr gut untergebracht. Die Stimmung, hervorgerufen durch die in keiner Weise ihrer Aufgabe gewachsenen Führung, ist ausgesprochen schlecht. Man hat nicht den Eindruck, unter BDM-Mädeln zu sein, sondern in einem Kreis „Höherer Töchter“. Die Lagermädelführerin ist zu jung und nicht fähig, die älteren Mädel zu führen. Sie vermag sich der ganz stark konfessionell gebundenen Lagerleiterin gegenüber nicht durchzusetzen, sodass im Grunde genommen die Mädel tun und lassen was sie wollen. Da der in seiner Gesamtheit restlos konfessionell gebundene Lehrkörper (einschließlich Schulleiter) nicht in der Lage ist, außer einer Lehrerin, die kränklich ist, aus eigener Kraft die geeignete Lagerleiterin zu stellen, wird die Dienststelle Prag schnellstens eine fremde Kraft beordern.
Besuch des KLV-Lagers Schwalkowitz b/Olmütz. In diesem Lager befinden sich Essener Jungmädel. Das Lager ist in seinen äußeren Voraussetzungen wiederum vorbildlich und für seinen Zweck wie geschaffen. Lagerführung und Gefolgschaft verbindet eine sehr herzliche Kameradschaft. Es ist in diesem Lager besonders die enge, kameradschaftliche Bindung zwischen Lagerleiterin und Lagermädelführerin, sowie der Lagerlehrerinnen herauszustellen. Die Mädel sind restlos begeistert und wollen die KLV vorläufig nicht verlassen, weil diese ihnen zur zweiten Heimat geworden ist. Im Lager herrscht ein besonders froher und frischer Ton. Die mit viel Liebe und Geschmack erfolgte Ausstattung des Lagers viel ganz besonders auf. Verpflegung und Unterbringung sind in jeder Weise ausgezeichnet.
20.1.1944.
Besuch des KLV-Großlagers Bad Luhatschowitz. Es wurden die besonderen Einrichtungen eines Großlagers, die Kommandantur, das KLV-Krankenhaus, eine Werkschule und die Kammer besichtigt. An einem Elternnachmittag, der für die mit einem Besuchszug eingetroffenen Eltern aus dem Gau Essen durchgeführt wurde, nahmen wir teil. Die Eindrücke in der KLV-Stadt Luhatschowitz waren einmalig und überraschend. Idealer geht es nicht mehr.
21.1.1944.
Besuch des KLV-Lagers „Haushaltungsschule“ in Groß-Meseritsch, in dem Mädel Essener Volksschulen untergebracht sind. Die äußeren Voraussetzungen für ein KLV-Lager sind ganz vortrefflich gegeben. Verpflegung und Unterkunft sind ausgezeichnet. Die Lagerführung ist äußerst harmonisch und die Voraussetzung für die Begeisternde Stimmung des Lagers. Die HJ-mäßige Ausrichtung ist sehr gut. Es ist KLV-Lager wie es sein muß.
KLV-Großlager „Landwirtschaftsschule“ in Groß-Meseritsch. In diesem Lager sind 270 Mädel Essener Volksschulen untergebracht. Unterbringung und Verpflegung sowie hygienische Einrichtungen sind wiederum vorbildlich. Es ist besonders die überragende Führung und das organisatorische Talent der Lagerleiterin hervorzuheben, die in beispielhafter Weise verstanden hat, trotz des Großlagers die persönliche Note und individuelle Behandlung der Mädel zu gewährleisten. Zwischen Lagerleiterin, Lagerlehrerin und BDM-Führerinnen herrscht ein sehr enges und gutes Verhältnis. Es ist besonders hervorzuheben, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Großlagern sich in diesem Lager die Lagerlehrerinnen helfend in den Lagerbetrieb mit einschalten, und ein gewisses Maß der Selbstverantwortung mit tragen. Die geradezu unvorstellbare künstlerische Ausgestaltung des Lagers fiel ganz besonders auf und macht jedes Zimmer zu einem Heim. Sauberkeit und Ordnung sind einfach unübertrefflich. Man muss diese Ausdrücke wählen, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.
22.1.1944.
Besuch des KLV-Großlagers Beching, in welchem die Luisenschule untergebracht ist. Die äußeren Voraussetzungen sind gut und zweckmäßig. In einem Hause, in welchem die Klassen 1-4 untergebracht sind, fehlen fließendes Wasser und die ausreichende Anzahl von Waschschüsseln. Dieser Mangel wird jedoch durch ein innerhalb des Lagers befindliches Badehaus in etwa ausgeglichen. Die Verpflegung ist nach Aussagen der Mädel gut. Die Lagerführung ist in Ordnung und durch den Hauptlagerleiter Schneider (aus Hamburg), der durch die KLV-Dienststelle Prag hierfür notwendigerweise abkommandiert wurde, auch nationalsozialistisch gesehen, in Ordnung. Aus dem Lehrkörper der Schule konnte ein eigener Hauptlagerleiter nicht gestellt werden, da der gesamte Lehrkörper bis auf wenige Ausnahmen restlos konfessionell bis zur höchsten Potenz gebunden ist. Es musste als eine unmögliche Tatsache festgestellt werden, dass ein Kaplan Dr. Böhmer, der zum Lehrkörper gehört, mit im Lager anwesend ist und für eine entsprechende „seelische Betreuung“ allergrößte Sorge trägt. Dieser Dr. Böhmer gibt wöchentlich ganze 7 Stunden Unterricht! Der Schulleiter Dr. Wißmann segelt im gleichen Fahrwasser und ist für die KLV gleichfalls untragbar. Diese Umstände bewirken ein ebenso unerfreuliches Bild in den einzelnen Lagern, wo die Mädel sich sehr stark konfessionell betätigen. Die Stimmung für die KLV ist daher begreiflicherweise schlecht. – Die Lagermädelführerin ist eine alterfahrene ehemalige JM-Untergauführerin aus Essen, die leider z. Zt. im Krankenhaus liegt. Trotz der besten Zusammenarbeit zwischen ihr und dem Hauptlagerleiter, und dem besten Willen beider ist eine Ausrichtung des Lagers im nationalsozialistischen Sinne noch nicht möglich gewesen. Es muss aus diesem Grunde die sofortige Ablösung des Schulleiters sowie des kath. Kaplans gefordert werden. Die KLV-Dienststelle Prag ist entsprechend unterrichtet.
Besuch des KLV-Jungenlagers in Beching am Markt. Es ist mit Essener Volksschülern belegt und macht in jeder Weise einen vorbildlichen Eindruck. Unterbringung, Verpflegung und Geist sind hervorragend. Lagerleiter und Lagermannschaftsführer ergänzen sich prächtig. Das Lager und die Jungen sind das Spiegelbild dieser guten Zusammenarbeit. Hier zeigte sich deutlich das Ergebnis einer längeren KLV. Erziehung. Die Jungen sind frisch, unbeschwert und aufgeschlossen, die schulischen Leistungen außerordentlich befriedigend, bei jedem zweiten Jungen kann man von einer kleinen Führerpersönlichkeit sprechen.“