Kriegseinsatz von Mädchen
In einem Vermerk werden am 31. Mai 1944 die Inhalte einer offenbar kontroversen Besprechung von Vertretern der Wehrmacht, der Reichsjugendführung, des Reichserziehungsministeriums und des Generalbevollmächtigten über den Kriegsarbeitseinsatz von Mädchen der 8. Klasse der Höheren Schulen festgehalten:
„In der Besprechung vom 31. Mai 1944 (…) wurde die zur Erörterung stehende Frage eines geschlossenen Kriegseinsatzes der Mädel der 8. Klasse der Höheren Schulen - richtiger gesagt der jetzt der 7. Klasse angehörenden Mädels, die im Spätsommer 1944 in die 8. Klasse versetzt werden sollen - eingehend behandelt.
Der Vertreter des OKW. begründet den Anspruch der Wehrmacht auf die Überlassung der Mädels als Wehrmachtshelferinnen. Er wies auf den großen Personalbedarf der Wehrmacht hin, der, soweit er nicht durch zivile Kräfte gedeckt werden könnte, zahlreiche Soldaten ihrer eigentlichen Aufgabe entziehe. Die Wehrmacht hat für das 1. Vierteljahr 1944 130 000 Kräfte gefordert, aber nur 3.000 erhalten. Man müsse heute schon dazu übergehen, ganze Einheiten bei der Luftwaffe nur aus Frauen zu bilden (z.B. Scheinwerferbatterien) sowie ausländische Arbeitskräfte sogar bei den nächsten Wehrmachtsdienststellen zu beschäftigen. Über den Eingriff in die geistige Substanz des deutschen Volkes, der in der Herausnahme der Mädels aus der Schulausbildung liege, sei sich das OKW klar, müsse diese Bedenken jedoch gegenüber der Vordringlichkeit der beabsichtigten Verwendung zurückstellen.
Die Vertreter der Reichsjugendführung hielten die Unterbrechung der Schulausbildung der Mädels zum Zwecke eines anderweitigen Kriegseinsatzes ebenfalls für notwendig, sprachen sich jedoch für einen Einsatz in erzieherischen Berufen, denen die Mädels näherständen, aus (als NSV-Erntekindergärtnerinnen, BDM-Kriegsführerinnen, KLV-Mädelführerinnen, Schulhelferinnen). Zahlreiche Gauleiter hätten bereits erklärt, daß sie die Mädels von sich aus einsetzen würden, wenn keine Regelung von zentraler Stelle aus erfolge. Für Teilbereiche sei der Einsatz bereits erfolgt (Pommern, Kurhessen). Besonders der Einsatz der Erntekindergärten, die für 5 000 bis 6 000 Mädels benötigt würden, sei dringlich und müsse, wenn das soweit bestehende Programm erfüllt werden sollte, in der allernächsten Zeit geregelt werden. Der Vertreter des Reichserziehungsministeriums, Min.Dir.Dr. Holfelder, legte in eindringlichen Ausführungen die schweren Bedenken dar, die gegen eine Herausnahme der Mädels aus der Schulausbildung beständen. Schon früher sei einmal ein halbjähriger Einsatz der Mädels in der Rüstungsindustrie gefordert worden, der in unzutreffender Weise damit begründet worden sei, dass im Hinblick auf den Fraueneinsatz und auf die totale Heranziehung der nicht mit einer höheren Bildung ausgestatteten Bevölkerungsteile für die Kriegswirtschaft der Einsatz der Schülerinnen dem Prinzip der Gerechtigkeit entspreche. Man habe aber dann eingesehen, dass diese Gesichtspunkte nicht zuträfen. Es gehe darum, eine weitere Reduzierung des deutschen Bildungsniveaus, die schon heute besorgniserregende Formen angenommen haben, zu verhindern. Mit Rücksicht auf den weitgehenden Ausfall der männlichen Jugend sei die Nachwuchslage auf dem Gebiete der geistigen Berufe katastrophal. So betrage z.B. das Durchschnittsalter der Lehrer an den Höheren Schulen 61 Jahre. In manchen Disziplinen gebe es im gesamten Reich nur 4 Nachwuchskräfte. Es sei nicht zu erkennen, wie das Großdeutsche Reich bei dieser Sachlage seinen geistigen Führungsanspruch im Europa der Nachkriegszeit durchsetzen wolle, besonders wenn man berücksichtige, dass kleinste Staaten auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften ungeheuer viel täten. Es gehe nicht an, immer wieder, wenn Arbeitskräfte gebraucht würden, die Schulen als den Ort des geringsten Widerstandes anzusehen und schwerwiegende Eingriffe in ihre Substanz vorzunehmen.
Nach den dem Reichserziehungsministerium vorliegenden Berichten könne der bisherige Einsatz der Schülerinnen der 6. und 7. Klasse durchaus nicht als sinnvoll bezeichnet werden. Man müsse vor allen Dingen in qualitativer Hinsicht Personal-Ökonomie treiben. Hiermit stehe der geforderte Einsatz der Mädchen nicht im Einklang. Im Übrigen sei noch darauf hinzuweisen, dass der Einsatz der insgesamt 12.000 Mädchen bei dem ungeheuren Bedarf auf allen Gebieten nur ein Tropfen auf einen heißen Stein darstellen würde.
Das Reichserziehungsministerium sei deshalb der Auffassung, dass von dem geplanten Einsatz Abstand genommen werden müsse. Wenn von höchster Stelle ein Einsatz angeordnet werde, dann komme ein solcher nur für erzieherische Berufe in Betracht.
Der Vertreter des GBA. bemerkte, dass der GBA. auf den Einsatz der Mädels in der Rüstungsindustrie verzichtet habe. Er schließe sich voll und ganz dem Standpunkt des Reichserziehungsministeriums an und würde diese Auffassung gegenüber Forderungen von jeder Seite aufrechterhalten. Im Übrigen würde der Einsatz der Mädels doch nur ein zeitlicher sein können, so dass mit ihm eine wesentliche Erleichterung der Bedarfslage nicht erzielt werden könnte. Der Vertreter der Partei-Kanzlei betonte, dass die Partei-Kanzlei einen Einsatz nur um des Einsatzes willen keinesfalls gutheißen würde. Bei der Gegensätzlichkeit der hervorgetretenen Auffassungen werde eine reichseinheitliche Entscheidung von höchster Stelle getroffen werden müssen. Wenn auf diese Weise die Frage entschieden sei, ob überhaupt ein Einsatz erfolgen solle, so müsse geklärt werden, welcher Bedarf am dringlichsten sei und wo der rationellste Einsatz erfolgen könnte.
Es wurden sodann verschiedene Möglichkeiten erörtert, wie die geltend gemachten Bedarfsanforderungen ohne Rückgriff auf die Mädels der 8. Klasse befriedigt werden könnten. Dabei stellte Min.Dir. Dr. Holfelder die Frage, ob man nicht auf die vielen noch unbeschäftigten Frauen zurückgreifen könne. Ich selbst habe die Frage einer Erhöhung der Altersgrenze für die Meldepflicht für Frauen von 45 auf 50 Jahre berührt. Weiterhin wurde aus dem Teilnehmerkreis darauf hingewiesen, dass der Reichsarbeitsdienst in seinen Reichen zahlreiche für die erwähnten Aufgaben sehr geeignete Abiturientinnen habe, die er bisher für den Einsatz in der Rüstungsindustrie zur Verfügung gestellt habe.“