Bericht der Kölner OfJ Köln-Deutz zur Situation der LWH
Am 12. April 1944 legt die Oberschule für Jungen in Jülich folgenden Bericht zur Situation der Luftwaffenhelfer vor:
„A. Fürsorge.
Die Luftw.-Helfer der leichten Flakbatterie Feldpostnummer L 55 782 Lg.Pa. Münster 2 sind militärisch in 3 Züge, schulisch in 3 Klassen eingeteilt.
Der erste Zug ist in einem der massiven Werkgebäude und der zweite in ziemlich niedrigen Holzbaracken innerhalb des Werkgeländes untergebracht. Der dritte Zug liegt etwa 100 m vom Werk entfernt in einer Feldstellung in Holzbaracken. Jede dieser Baracken ist durch einen Vorhang in einen Wohn- und Schlafraum geteilt; der Wohnraum ist heizbar und kann elektrisch beleuchtet und ausreichend gelüftet werden; der Schlafraum lässt räumlich gesehen viel zu wünschen. In dem sehr niedrigen Raume stehen bis zu 10 und 12 Betten zu je dreien aufeinander gestellt zusammengedrängt nebeneinander.
Bettruhe ist vorgesehen für die Zeit von abends 9 Uhr bis morgens 7 Uhr; dazu kommt noch eine Bettruhe nachmittags von 6 - 7 Uhr. Nach längerem nächtlichem Fliegeralarm wird um 9 Uhr morgens geweckt. In den vergangenen Wintermonaten wurden jedoch die Ruhestunden durch die häufigen, langandauernden nächtlichen Einflüge ganz bedeutend beschnitten.
Während dieser Monate ließ auch der Gesundheitszustand der Luftwaffenhelfer viel zu wünschen. Es traten reichlich viel Halserkrankungen mit Fiebererscheinungen, Hautausschlag und leichtere Verletzungen auf, die die Luftw.-Helfer sich bei Sport und Exerzieren zugezogen hatten. Die ärztliche Betreuung findet durch das Res. Laz. in Jülich statt. Ein Sonderraum für erkrankte L.W.H. ist im Werk nicht vorhanden. Bei längerer und Bettruhe fordernden Erkrankungen werden die Schüler dem Lazarett in Jülich überwiesen; sie können sich aber auch im Elternhaus pflegen lassen.
Die Luftw.Helfer werden durch die große Werkküche verpflegt. Die erhalten: Morgenkaffee, zweites Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee mit Brot und Abendessen zu einem Preis, der pro Tag 50 Pfennig unter dem ihnen ausgezahlten Verpflegungsgeld liegt. Das Essen ist schmackhaft und reichlich; es wird vom 1. Zug im Werksspeiseraum, von den beiden anderen Zügen in den Baracken eingenommen.
Für den Sport und die Leibesübungen stehen der große Sportplatz und eine geräumige Turnhalle des Werkes zur Verfügung. Hier werden Sport und Leibesübungen von der Flakbatterie in wöchentlich 2 Stunden durchgeführt.
Für die körperliche Reinigung steht jede Woche an 2 oder 3 Tagen die Brause- und Badeeinrichtung des Werkes zur Verfügung. Jede vierte Woche wird die Bettwäsche gewechselt. Die Leibwäsche der Lw.-Helfer wird von den Eltern der Schüler besorgt; die hierzu nötigen Waschmittel stellt die Batterie zur Verfügung.
Die Freizeit und Beurlaubung wird von der Batterie im Einvernehmen mit der Schulleitung bzw. dem Betreuungslehrer streng nach diesbezüglichen Ministerialerlassen durchgeführt.
B. Erziehung und Unterricht.
Die Unterrichtsverteilung gestaltete sich zunächst recht schwierig wegen der Raumfrage. Es wurde eine Unterrichtsbaracke im Werk gebaut, die sich aber bald aus den verschiedensten Gründen als wenig brauchbar herausstellte. Durch Entgegenkommen der Werkleitung wurde jedoch bald Abhilfe geschaffen durch Überlassung eines Konferenzsaales als Lehrraum. Zur Zeit stehen für den Unterricht der 3 Klassen zur Verfügung: 1 Lehrsaal der Werkschule an 3 Nachmittagen der Woche, der bereits erwähnte Konferenzsaal an allen Wochentagen und der naturwissenschaftliche Lehrraum der Oberschule für Jungen in Jülich an zwei Nachmittagen der Woche.
Allein trotz der Lösung der Raumfrage litt der Unterricht im abgelaufenen 2. Dritteljahr unter sehr starker Störung, hervorgerufen durch die vielen Krankheitsfälle der Lw.-Helfer, durch die sich häufenden Feindeinflüge bei Tage, durch welche die Schüler sehr oft und nicht selten stundenlang von der Schulbank weg an die Geschütze befohlen werden mussten, und insbesondere durch die Kommandierungen der Lw.-Helfer zu den K s Kursen nach Mützenich und den Schießkursen nach Eupen, wodurch manche Schüler bis zu 4 Wochen im Dritteljahr dem Unterricht fernbleiben mussten.
Die Forderung des Herrn Ministers, dass ausgefallene Unterrichtsstunden nachgeholt werden müssen, lässt sich hier praktisch nicht durchführen.
Die für den Unterricht bereitgestellten Räume stehen nur zu bestimmten Stunden zur Verfügung und sind durch den regulären Unterricht, 3 mal 18 Wochenstunden, ganz ausgenutzt. Zudem fehlt dazu die Zeit.
Die Freizeit der Lw.-Helfer wurde ausgefüllt mit Vorführungen der Frontbühne, Vorträgen des Nachwuchsoffiziers, mit der Vorbereitung und Durchführung kleinerer Feste gelegentlich der feierlichen Verpflichtung, des Weihnachtsfestes u.s.w. Dazu nahmen Kommandos der Lw.-Helfer teil an den öffentlichen Veranstaltungen der H.J. und der Partei in der Kreisstadt.
Disziplinarfälle haben sich nicht eingestellt und Beschwerden bezügl. der Schule oder der militärischen Einheit sind mit nicht bekannt geworden.
C. Organisatorische Arbeit des Betreuungslehrers.
Anfangs mussten 2, zuletzt 3 Klassen unterrichtet werden. Die zuletzt hinzu getretene Klasse 5 wurde vormittags in Jülich täglich 3 Stunden unterrichtet. Der Unterricht in Physik und Chemie für die Klasse 6 und 7 konnte an zwei Nachmittagen mit je 4 Stunden in naturw. Lehrraum in Jülich durchgeführt werden; die restlichen 28 Stunden wurden im Werk abgehalten. Das zu diesen Stunden benötigte Anschauungsmaterial, Karten usw. wurde von den Fachlehrern dorthin geschafft.
Die Überwachung der Teilnahme am Unterricht wurde von der Schule und dem Batteriechef oder seinem Stellvertreter durch Austausch von Anwesenheitslisten streng überwacht. Auf die sorgsamste Führung der Klassenbücher wurde dem Direktor und vom Betreuungslehrer wiederholt hingewiesen. Dazu fanden wiederholt Aussprachen der Fachlehrer untereinander und mit dem Direktor statt, in denen Fragen des Unterrichts und der Erziehung der Lw.-Helfer behandelt wurden. Im Dienstzimmer des Anstaltsleiters wurde ein besonderes Buch ausgelegt, in das jeder Fachlehrer zu jeder Zeit Beschwerden, Wünsche und Vorschläge eintragen kann, die sich auf den Unterricht der Lw.-Helfer beziehen.
Der Leiter der Stammschule Monschau nahm an den Zeugnis-Konferenzen teil, soweit der dienstlich abkömmlich war; bei Verhinderung wurde ihm eine Anschrift der Niederschrift der Konferenz übermittelt.
D. Zusammenarbeit mit Dienststellen und Einheiten der Luftwaffe.
Die Flakbatterie ist von Jülich aus mit der Eisenbahn (3,1 km) zu erreichen; die Verbindungen hin und zurück liegen gut. Die Fachlehrer und sämtliche Lehrkräfte der Oberschule Jülich - benutzen daher die Eisenbahn, in Ausnahmefällen auch wohl das Fahrrad, zudem kann der Weg in 40 Minuten auf guter Straße auch zu Fuß gemacht werden. Aus diesen Gründen kommt eine Verpflegung, Unterbringung sowie Zuteilung von Bekleidungsstücken für die Lehrer nicht in Frage.
Zum Schlusse darf ich nochmals hinweisen auf die schweren Störungen des Unterrichtsfortganges durch die oben erwähnten Kommandos nach Mützenich und Eupen, durch welche die Lw.-Helfer auch beim besten Willen Gefahr laufen das Klassenziel nicht zu erreichen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, in wieweit die Teilnahme an diesen Kursen eine militärische Notwendigkeit darstellt. Ich fühle mich jedoch verpflichtet, meine vorgesetzte Behörde darauf hinzuweisen, zumal ich auch von Schülern und besorgten Eltern gebeten wurde, diese Angelegenheit an Maßgebender Stelle zur Sprache zu bringen.“