Merkblatt für Eltern von LWH
Am 11. April 1944 wendet sich der Kommandierende General und Befehlshaber im Luftgau VI mit folgendem Merblatt an die Eltern der Luftwaffenhelfer:
„I.
Die Schüler (Jahrgang 27) der Höheren Schulen sind nun über ein Jahr als Lw.-Helfer (HJ) bei der Flakwaffe eingesetzt. Sie haben die an sie gestellten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern zum Teil sogar übertroffen. Wichtige Funktionen an Geräten und Waffen werden durch die Lw.-Helfer (HJ), die mit Eifer und Begeisterung bei der Sache sind, in befriedigender Weise ausgeführt.
Bei den harten Terrorangriffen auf unsere Großstädte konnten die Lw.-Helfer (HJ) wiederholt ihre Einsatzfreudigkeit und ihren Mut unter Beweis stellen. Sie haben sich tapfer gehalten.
Die Lw.-Helfer (HJ) lassen sich heute aus den Batterien gar nicht mehr wegdenken. Es wäre dies auch nicht möglich, weil durch den Einsatz der Lw.-Helfer (HJ) die entsprechende Anzahl von Soldaten anderen Zwecken zugeführt werden konnte.
Der Unbill, die durch die Herausnahme der Schüler aus der Familie, aus der Schule und aus der gewohnten Umgebung entstanden ist, muss der beabsichtigte und tatsächlich eingetretene Erfolg mit Betonung gegenübergestellt werden.
Die Jungen selbst sind durch ihren neuen Dienst körperlich und seelisch härter geworden. Der Ernst des derzeitigen Einsatzes formt sie frühzeitig zu reiferen Menschen. War zunächst die erste Begeisterung der Ausfluss einer der Jugend eigenen Sensationslust, so wich jene einem ohne Zweifel manchmal sich hart erweisenden Pflichtgefühl.
Die militärische Zucht und Ordnung mag für manchen Lw.-Helfer (HJ) einen schweren Eingriff in seine persönliche Freiheit bedeutet haben, heute sind die Lw.-Helfer (HJ), die bereits auf einen einjährigen Einsatz zurückblicken können, für die an ihnen geleistete Erziehungsarbeit dankbar.
Die schulische Betreuung ist nach anfänglichen Schwierigkeiten im Großen und Ganzen voll eingelaufen und hat in einer Vielzahl von Batterien zu Ergebnissen geführt, die über dem Normalunterricht liegen. Vor allem haben die Lw.-Helfer (HJ) aus sich heraus den Wert von Bildung und Wissen erkennen können; dann aber sind die Beschränkungen in der Bewegungsfreiheit, der dauernde Umgang mit den Kameraden und die hieraus zwangsläufig sich ergebende geistige Anregung für die Lw.-Helfer (HJ) ein Ansporn zum Lernen und Arbeiten an sich selbst geworden.
Berichte der Lehrerschaft und Truppen bekunden, dass die Leistungen entgegen den ursprünglichen Befürchtungen im allgemeinen mindestens denen der in der Schule Verbliebenen gleichkommen, in vielen Fällen jene sogar übertreffen.
Der ständige Wechsel der Angriffsmethoden wie auch der Objekte seitens unserer Gegner erfordert von unserer Führung eine möglichst rasche Anpassung der Verteidigung; sie ist gezwungen Batterien vornehmlich zur Schwerpunktbildung zusammenzuziehen. War zunächst der überörtliche Einsatz lediglich für Lw.-Helfer (HJ), die in Heimschulen - also außerhalb des Familienwohnsitzes - untergebracht waren, vorgesehen, so musste sich nun die Oberste Führung zum überörtlichen Einsatz der Lw.-Helfer (HJ) ohne Unterschied entschließen. Abgesehen von der Unmöglichkeit, die notwendigen Verschiebungen ohne ihre Lw.-Helfer durchzuführen, hätte ein Großteil von Schülern der Höheren Schulen eine Sonderstellung beibehalten, die im Interesse der gleichmäßigen Auslastung der Kriegspflichten nicht gebilligt werden konnte. Darüber hinaus mehren sich die Bitten von Lw.-Helfern um Verwendung und Belassung im überörtlichen Einsatz, da sie sich nur von letzterem die volle soldatische Anerkennung versprechen.
Die rasche Veränderung der Verteidigung ist oft ein Gebot der Stunde. Die dabei für den Luftwaffenhelfereinsatz auftretenden Schwierigkeiten und Härten werden vorausgesehen und müssen in Kauf genommen werden. Oft erscheint hierbei dem Außenstehenden die eine oder andere Maßnahme unverständlich; es liegt im Wesen der militärischen Führung, dass sie im Allgemeinen weder ihre Entschlüsse ankündigen, noch diese begründen kann. Die Eltern dürfen versichert sein. dass der Führung aus berufenem Munde alle Bedenken unterbreitet werden, die bei einer Veränderung jeweils laut zu werden pflegen.
Wir stehen im 5. Kriegsjahr. Unsere Gegner wollen um jeden Preis - sei es durch Terrorangriffe auf die Bevölkerung, sei es durch Zerschlagung unserer Rüstungszentren - eine Entscheidung erzwingen. Die der Luftverteidigung hierbei zufallenden Aufgaben werden immer schwieriger. Ein Nachlassen der Abwehrkraft darf jedoch unter keinen Umständen eintreten. Wenn daher die Führung über viele Bedenken hinwegsehen muss, so geschieht es aus dem eisernen Zwang und Notwendigkeit, auch das Letzte für die Verteidigung auszunützen.
Die Mittel zur Beseitigung all der hierbei im Luftwaffenhelfer-Einsatz sich ergebenden Schwierigkeiten und Härten sind karger geworden und zwingen sehr oft zu mehr oder minder glücklichen Improvisationen. Dem darf sich auch die Einsicht der Eltern nicht verschließen. So muss die Kritik an mancher Maßnahme, die für einen Teil der Lw.-Helfer (HJ) scheinbar Härten bringt, verstummen gegenüber der Tatsache, dass diese Maßnahme getroffen wurde, um noch größere Unbilligkeiten für andere Lw.-Helfer (HJ) zu beseitigen.
Ich richte daher an die Eltern der Lw.-Helfer (HJ) die Bitte, bei Feststellungen von tatsächlichen oder angeblichen Schwierigkeiten die vorher erwähnten Gesichtspunkte und Gegebenheiten zu beachten und von vornherein zu erwägen, ob die - meist subjektiv empfundene - Unbill nicht im höheren Interesse in Kauf genommen werden muss.
Dabei bitte ich zu bedenken, dass
1. sich das Gesicht des Krieges seit einem Jahr grundlegend verändert hat,
2. die Personal- und Rohstofflage immer schwieriger wird,
3. die Empfindlichkeit bzw. Reizbarkeit der Menschen aus begreiflichen Gründen sich erheblich steigert,
4. mit Fortschreiten des Krieges die Anforderungen an alle Menschen, auch an die Soldaten, sich mehren,
5. dass jeder militärische Führer ständig darum bemüht ist, gerade den Lw.-Helfern (HJ), als unseren jüngsten Kameraden, ihr Schicksal nach bestem Wissen und Können günstiger zu gestalten.
Bei dieser Betrachtung ist es ebenso unangebracht wir ungerecht, wenn relativ geringfügige Vorkommnisse, die Auswirkungen der Lager und der Zeit sind, in einer zum Teil tendenziösen Weise ausgeschlachtet und zu nichtgerechtfertigten Beschwerden benutzt werden. Es wird hierdurch letzten Endes nur die Vertrauensbasis zwischen Lw.-Helfer und Truppe untergraben, ein Ergebnis, das sich auch ungünstig für die Gesamthaltung und Einstellung der Truppe zu den Lw.-Helfern auswirken muss.
Zenetti
General der Flakartillerie"
Oberstudiendirektor Halfmann kommentiert das Merkblatt in einem Schreiben an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz am 29. Juli 1944:
„Den Ausführungen des Merkblattes kann im Allgemeinen zugestimmt werden. Die Angaben decken sich mit unseren Erfahrungen allerdings mit Ausnahme dessen was über die Unterrichtserfolge gesagt ist.
Ohne jede Ausnahme bleiben die unterrichtlichen Leistungen der LwH-Klassen gegenüber denen, die in der Schule unterrichtet werden erheblich zurück. Die Gründe hierfür liegen:
1.) in den Unterrichtsstörungen durch Alarme und Gefechtstätigkeit,
2.) in den Unterrichtsversäumnissen durch dienstliche Inanspruchnahme während der Unterrichtsstunden. (In kaum einer Stunde ist die Klassengemeinschaft vollzählig anwesend.)
3.) Im Physik- und Chemieunterricht nahezu vollständiger Verzicht auf das Experiment. Unüberwindliche Schwierigkeiten in fast allen Einheiten die Schüler zu diesem Fachunterricht in die Schule kommen zu lassen.
4.) Die Unmöglichkeit, die Arbeitsstunden in der vorgesehenen Weise regelmäßig durchzuführen.
5.) In vielen Fällen die zu beobachtende Entfremdung der Schüler von geistiger Arbeit, bedingt durch den dienstlichen Einsatz.
Ausnahmen sind bei überörtlichem Einsatz beobachtet worden, aber nur dann, wenn es möglich war, Lehrer für den Unterricht dieser Einheiten abzuordnen. Dabei handelt es sich meist um Klassen, die in ruhigeren Gebieten in Bereitschaft lagen und deren Arbeit somit durch Alarme und dergleichen in keiner Weise gestört wurde.
Die Angabe des Merkblattes wonach im Luftgau VII die Unterrichtserfolge in den LwH-Klassen über denen der Schule standen, treffen für die Flakgruppe Köln in keiner Weise zu. Hier ist vielmehr das Gegenteil der Fall.“