„Fehde“ zwischen Herford und Bünde
Am 13. März 1938 beginnt ein (inszenierter?) Konflikt zwischen den Jungvolk-Verbänden aus Herford und Bünde/Ennigloh, der in ein großes „Geländespiel“ mündet. Hierüber berichtet der „Bünder Generalanzeiger“ im Verlauf der Monate April/Mai mehrfach. Am 22. April heißt es:
„Wie Unterbannführer Wilhelm Rieke anlässlich der Überweisung der 14-jährigen Pimpfe in die HJ am Mittwochabend ausführte, hat der Standort Herford der HJ den beiden Gefolgschaften 6/183 (Bünde) und 10/183 (Ennigloh) die Fehde erklärt. Am kommenden Sonntagmorgen wird ein großes Geländespiel in der Bünder Umgebung stattfinden.
Hier die Vorgeschichte: Da kommt am Dienstagabend ein getarnter Hitlerjunge der Herforder Motor-HJ mit seiner Maschine angefahren, hält vor dem HJ-Heim in der Horst-Wessel-Straße, schleicht sich vorsichtig in den Flur des Heimes und nimmt die Fahne der Bünder Hitlerjugend mit. Ein Bünder HJ-Führer, der dieses bei seinem Eintreten in das Heim sofort bemerkte, alarmierte die aufzutreibenden Hitlerjungen. Ein Lastkraftwagen ist schnell beschafft; so konnte also eine nächtliche Rachefahrt gewagt werden.
Am Lübberbruch in Herford stiegen sie aus. Jetzt musste mit Vorsicht zu Werk gegangen werden. In kleinen Grüppchen ging es vor, bis man das Heim der Herforder HJ in der Clarenstraße erreicht hat.
Einige Türen waren glücklicherweise offen, und die nicht offen waren, wurden eben gewaltsam aufgebrochen, einige Scheiben mussten dran glauben. Das ganze Heim wurde von oben bis unten durchgestöbert. Vergebens! Doch es konnte nicht eher der Heimweg angetreten werden, bis die geraubte Fahne wieder zurückerobert war. Ein Herforder HJ-Führer, der sich plötzlich einer überlegenen Schar Bünder Hitlerjungen gegenübersah, gab die Fahne wieder freiwillig heraus.
Das war ein kleines Vorspiel zu dem großen Geländespiel am Sonntag. Wir sind auf den Ausgang dieses Spieles gespannt.“
Drei Tage später berichtet das Lokalblatt:
„Geländespiel am Reesberg - Es war nicht so schlimm wie es zuerst schien
Grau liegt der Neben über unserem Elsestädtchen. Die Sonne ist noch nicht durchgekommen. Nicht weit von Bünde, oben im Doberg, herrscht schon reges Leben und Treiben. Galt es doch, die Fehde ... zur Entscheidung zu bringen.
Auch der Reesberg vor uns liegt noch im Nebel. Wir marschieren zum Reesberg, wo das Geländespiel ausgeführt werden soll.
Spähtrupps werden eingeteilt, die das Herannahen des ‚Feindes‘ zu melden haben. Gegen 8 Uhr, es ist mittlerweile klarer geworden, zeigen sich die ersten feindlichen Vortrupps; es sind Motorradfahrer der Motor-HJ, dahinter einige Radfahrer. Zwei davon werden von unserem Meldefahrer abgeschnappt.
Im Reesberg liegen unsere Haupttruppen, gut getarnt durch die dichten Tannenschonungen und Gestrüpp. Wir können das vor uns liegende Gelände fabelhaft überschauen.
Es war vorgesehen, dass die Bünder das Gelände des Reesberges als Stellung benutzen sollten, während die Herforder den Reesberg zu erkämpfen hatten. Von dem Gegner ist noch nichts zu sehen. Endlich sind einzelne Leute hin und wieder zu erblicken, die sich gleich wieder in Deckung drücken. Gegen 9 Uhr ertönt ein Signalhorn. Wir denken, es sei das Zeichen des Feindes zum Angriff. Doch es sind unsere Spähtrupps, die schon weiter vorgedrungen sind. Auch das führt noch nicht zu einem Angriff der Gegenpartei. Wir haben es aber schon heraus, dass sie dort in der zweiten Anhöhe vor uns liegen.
Als die Herforder immer noch nicht angreifen, formieren wir uns oben und marschieren auf ihre Stellung zu. Wenn es auch erst den Anschein hatte, dass sie angreifen wollten, so zogen sie sich im letzten Moment wiederum zurück. Das Spiel sollte ja schon um ½ 11 Uhr entschieden sein.
Alte Kampf- und Trutzlieder erklingen. ‚Das ist Lützows wilde verwegene Jagd‘, ‚Musketier sein’s lustige Brüder‘, ‚Als wir ....‘.“
Mehr als zwei Wochen später heißt es am 12. Mai in den „Westfälische Neueste Nachrichten“:
„Herford sagt Bünde die Fehde an - Das ist eine Sache für unsere Pimpfe
Zwischen Herford und Bünde ist Fehde ausgebrochen. Um es genauer zu sagen und ängstliche Gemüter zu beruhigen: Zwischen dem Jungstamm I Herford und dem Jungstamm V Bünde. Weshalb? Das liegt in Dunkel gehüllt. Wir wissen nur, dass die Bünder Pimpfe den Herfordern vor etlichen Monden eine böse Schmach angetan haben, die unbedingt Sühne und Rache verlangt. Und nun soll es am Sonntag den Bündern an den Kragen gehen. Der gesamte Jungstamm I ist dazu aufgerufen und wird fehdelustig gen Bünde ziehen, sobald die Mittagsglocke geschlagen hat. Wie sich schon herumgesprochen hat, wird sich Bünde am Doberg gegen die sicher von verschiedenen Seiten heranrückenden Haufen der Herforder verteidigen, die dieser Fehde mit großer Zuversicht entgegensehen und am selbigen Tage noch ihre Jungstammfahne auf dem Marktplatz in Bünde aufpflanzen wollen. Da wird der alte Doberg staunen, wenn die Fehde entbrennt! Die Herforder Pimpfe haben sich jedenfalls allerhand vorgenommen und werden auch nicht mit Hohn und Spott sparen, wenn den Bündern beim Anblick der rachelüsternen Pimpfe vom Jungstamm I das Herz etwas tiefer rutscht. Also Bünde wahr to!“
Und drei Tage später wird an gleicher Stelle berichtet:
„Jungstamm Herford gewann die Fehde - Am Doberg war das große Treffen
Am Sonntag wurde die vom Jungstamm I dem Jungstamm V angesagte Fehde ausgetragen. Um 10 Uhr marschierten die Herforder Pimpfe in den vereinbarten Fehderaum in Richtung Bünde ein, an der Spitze ein Vortrupp, der den Jungstamm gegen Überraschungen sichern sollte. Dahinter folgte in einem Abstand von 100 Metern der Fahnenblock. Er bestand aus 40 ausgewählten Jungen, die den Auftrag hatten, um jeden Preis durchzubrechen und die Herforder Fahne auf dem Bünder Marktplatz aufzupflanzen. Gelang dies, so war vereinbarungsgemäß die Fehde für Herford gewonnen. Zu beiden Seiten des Fahnenblocks hatte der Jungstamm I seine Hauptkräfte weitauseinandergezogen gegliedert. Sie sollten die Bünder Streitscharen auf sich ziehen und binden. Gegen 10.30 Uhr kam es am Doberg zum Treffen. Die Herforder Pimpfe handelten taktisch richtig und verfügten über derartige Schreckmittel, dass die Bünder total in Verwirrung gerieten. So konnte die Fahne die Bünder Linien durchbrechen und nach heftigem Sturmlauf auf dem Bünder Marktplatz aufgestellt werden. Die Fehde war damit beendet und wurde durch die Schiedsrichter abgepfiffen. Das Ergebnis lautete: gewonnen für Herford!“