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Ereignisse
1938
Februar

Lage der katholischen Jugend in Köln

Hans Schroer, Diözesanjugendleiter im Erzbischöflichen Generalvikariat des Erzbistums Köln, wendet sich nach dem Verbot der katholischen Jugendvereine im Namen der Dekanatsleiter der männlichen Jugend der Erzdiözese am 25. Februar 1938 an Kardinal Schulte, um vor den negativen Folgen des Verbots zu warnen und die verstärkte Einsetzung von Laienführer in den Dekanaten anzuregen, um den Verlust der katholischen Vereine zu kompensieren. Dabei untermauert er die Dringlichkeit, sich intensiv um die katholischen Jugendlichen zu kümmern, da sie andernfalls gänzlich von der Kirche entfremdet würden und in schwierigen Zeiten allein gelassen würden:

„Eminenz! Hochwürdigster Herr Kardinal!

Im Namen und im Auftrage der Dekanatsleiter der männlichen Jugend der Erzdiözese Köln […] bitte ich, Ew. Eminenz folgendes unterbreiten zu dürfen.

Das Verbot des Katholischen Jungmännerverbandes am 1. Februar 1938 stellte auch nach außen den Zustand her, der praktisch einundeinhalb Jahre vorher bereits bestand. Durch Polizeiverordnungen, örtliche Sonderverfügungen und scharfe Überwachung der Parteidienststellen war die Arbeit der katholischen Jugend in den Verbänden bis auf wenige Ausnahmen auf ein Mindestmaß von Bewegungsfreiheit zurückgedrängt, das zur religiösen Bildung junger Menschen unbedingt notwendig ist.

Ungeachtet der Schwierigkeiten, der persönlichen Anfeindung, ja des Berufsverlustes standen junge Menschen weiter in christlichem Geist zusammen […]. Wer wollte jungem Blut verargen, dass es hier und da übers Ziel schoss, dass es gegen die widernatürlichen Beschneidungen persönlicher Freiheit anrannte? […] Umso höher ist die allgemeine Disziplin zu werten, die sich in der Befolgung der von der eigenen Führung oft schweren Herzens geforderten Beachtung aller natürlichen Lebensgesetze beschneidenden Verordnungen zeigte.

Nun ist der Zeitpunkt da, wo ganz offen der Versuch unternommen wird, zwischen Klerus und Laien einen Keil zu treiben. Die Entfremdung wird versucht dadurch herzustellen, dass man in erster Linie bei geringfügigen Übertretungen der Polizeiverordnungen die Gefolgschaft, den einzelnen Jungen, empfindlich bestraft. Die Wirkung einer oft hohen Geldstrafe auf das Elternhaus, den Freundeskreis und nicht zuletzt auf den Jungen selbst sind folgenschwer. Weiter ist man bemüht, die Führung junger Christen ganz auf die Geistlichkeit zu beschränken, weil man weiß, dass im gleichen Augenblick wegen der vielfachen Inanspruchnahme des Geistlichen die persönliche Bindung der jungen Christen untereinander nachlassen muss, und damit der erste Schritt zur Entfremdung von der Kirche getan ist.

In jeder lebendigen Gemeinschaft konzentriert sich das einzelne Glied auf den Führer dieser Gemeinschaft. Macht man nun die Führung tausender heute noch bestehender Gruppen in der Erzdiözese unmöglich, schaltet man den Laienführer aus, zwingt man junge Menschen, Gemeinschaft nur noch im sakralen Raum zu erleben, dann ist die Wirkung dieser Maßnahme für die Zukunft katastrophal, es sei denn, der apostolischen Kraft deutscher Katholiken gelänge eine Lebensgestaltung, die restlos und konsequent von Christus bestimmt wird. Aber auch dann wird der Feind die im gleichen Augenblick apostolisch hervortretenden Familien zu treffen wissen.

Jeder Priester weiß, was es heißt, junge Menschen wirklich zu führen. Das kann unmöglich massenweise geschehen. Er muss sich auf einen kleinen Kreis beschränken. […] Ist diesen jungen Christen, die unmittelbar mit dem Priester in Berührung stehen, verwehrt, selbst wieder Mittelpunkt einer kleinen Gemeinschaft junger Christen zu werden, was ist es dann mit der christlichen Sendung, dem christlichen Missionsauftrag, dem allgemeinen Priestertum?

Wir jungen Menschen des zweiten Viertels des zwanzigsten Jahrhunderts sind nicht groß geworden in einer ruhigen, bürgerlichen Zeit. […]

In unsere dunkle Kindheitserinnerung ist der Krieg eingegraben. Auf den Schulanfang fiel der Schatten der Revolution. Das Fest der ersten heiligen Kommunion wurde mit Millionenscheinen bestritten. Soldaten der Besatzungsarmee wurden Spielkameraden. Die Separatistenkämpfe erfüllten die kindliche Phantasie. Bei der Schulentlassung war eine Stelle kaum zu bekommen. Die Großstadt, ist doch unsere Erzdiözese die großstadtreichste Diözese in Deutschland, fraß mit ihrer Unkultur an den jungen Seelen. 50 Prozent aller Kameraden wurden nach der Lehrzeit auf die Straße gesetzt und verfielen zumeist dem Proletariat. Parteihader und Klassenkampf bedrängten den Geist junger Menschen. Die nationale Revolution und ihre Folgen erschütterten und erschüttern die Grundfesten christlicher Bildung. Überall, wo junge Menschen hinsehen, sind Welten zusammengebrochen, nirgends ist Aussicht auf sichere Existenz. Ruhe, Sicherheit und Bürgerlichkeit sind unbekannte Begriffe geworden.

Wer hielt den Fall des Einzelnen auf? Das Elternhaus? In immer verschwindenderem Maße! Der Priester? Er konnte, vornehmlich in den Städten und bei den oft viel zu großen Pfarreien und der dadurch bedingten ungeheuren Aufgabe eines Seelsorgers nur an einen ganz kleinen Teil der Jugend herankommen. So wurde der größte Teil unserer lebendigsten Jugend gehalten von der Jugend selbst! Vom Jungführer, vom feinen Freund, vom Gruppenkameraden, von der Lebensgemeinschaft junger Christen. Die besten Apostel standen und stehen in einem herzlichen Verhältnis zu einem Priester, sie hinwiederum haben Verbindung mit vielen jungen Menschen, die der Priester nicht oder nur schlecht erreicht und fühlen sich im Namen des Herren für diese jungen Menschen verantwortlich. […]

Verstehen Ew. Eminezn, dass eine solche Jugend anders zu Kirche und Christentum stehen muss, als die Jugend um 1900 und 1910? Dass diese Jugend grübelt, dass sie sich zu den letzten Quellen und Gewissheiten verbohren will?

Hier entdeckt sie nun plötzlich, was Christsein bedeutet, […] und auf einmal spürt sie, was es um die Bedeutung und um die Verantwortung des Christen ist. […]

Tatwillige junge Christen ergreifen das Wort von der Missionsaufgabe im eigenen Volk, vom Brudersein, von der Teilnahme am heiligen Opfer, von der Aufgabe des Kündens des Wortes Gottes. […] Diese jungen Menschen nun, bis in den letzten Nerv empfänglich für große Dinge, mit einem empfindlichen Gehör für letztgültige Entscheidungen, erwarten den bestimmten Auftrag zum Einsatz!

Nun versucht man, säuberlich Klerus und Laien zu trennen […] Im Augenblick der Verwirklichung dieser immer deutlicher werdenden Absicht wären diese lebendigen jungen Menschen nur noch passive Kirche. […]

Wir jungen Menschen sind bereit, dem Herrn mehr zu gehorchen als den Menschen […]. Wir empfinden erschüttert mit unserem Bischof die gewaltige Last des Kreuzes, den ewigen Verrat des Menschen an Christus, unsere eigene Kleinheit und Gottes unendliche Liebe.

In diesem Augenblick aber brauchen wir die Sendung der Kirche, die Sendung des Bischofs. […]

Darum bitten wir, die verantwortlichen Laienführer in der Erzdiözese, Eure Eminenz, unseren Erzbischof, den Laienführer mit dem besonderen Auftrag der apostolischen Mission in kleinen Kreisen der Pfarre und des Dekanates zu versehen.

Der Auftrag, um den wir Ew. Eminenz bitten, betrifft in erster Linie die neben dem Dekanatsjugendseelsorger und dem Pfarrjugendseelsorger stehenden jugendlichen Mitarbeiter. […]

Diese Dekanatsleiter sind bereit, an einer Schulung teilzunehmen, die sie zur Erlangung der ‚missio canonica‘ befähigt.

Wir erlauben uns, einen Vorschlag für die Beauftragung der Laienführer beizufügen.

Damit auch der erstverantwortliche Laie der männlichen Jugend in der Pfarre den Anruf der Kirche spürt und dadurch wesentlich in seiner Arbeitsfreude und Arbeitskraft gestärkt wird, halten wir es für außerordentlich notwendig, dass die Pfarrjugendleiter vom Dechanten beauftragt und verpflichtet werden.

Die Arbeit des Laienführers oder –helfers bewegt sich voll und ganz im Rahmen der Bischöflichen Richtlinien, sie hat absolut nichts mit der Fortführung irgend eines Verbandes gemein und empfängt die genauere Anweisung, weil sie in ständiger Verbindung mit dem Erzbischöflichen Jugendseelsorgeamt steht, unmittelbar vom Bischof. […]

Weiter bitten wir Eure Eminenz, unseren Erzbischof, den Priestern der Erzdiözese, mit denen uns zumeist engste Zusammenarbeit freundschaftlich verbindet, die Weisung besonderer apostolischer Schulung der Laienführer und –helfer zu geben, damit eine Front verantwortungsbewusster Christen in unserem Vaterland besteht, die die Herrschaft Christi erhalten. […]

Wie wichtig es ist, gerade geistig lebendigen jungen Menschen einen direkten Auftrag zu geben, zeigt die Erfahrung in unserer Arbeit immer wieder. Der junge Mensch ist nur in ganz seltenen Fällen beschaulich. Er will anfassen und gestalten dürfen. Besteht dieses Gestaltenkönnen in der Katholischen Kirche nicht mehr, ist auch hier, wie immer bei jungen und bewegten Menschen, die große Gefahr, dass sie sich ein anderes Betätigungsfeld suchen oder über kurz oder lang resignieren. […]

In Bereitschaft und Ergebenheit

Hans Schroer
Diözesanjugendleiter.“

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