Bericht über Westwall-Einsatz
Am 10. Oktober 1944 erstattet das Westwall-Kommando des Gaus Westfalen-Nord (Bauabschnitt Venlo-Walbeck) dem NSDAP-Kreisleiter Lippe-Detmold folgenden „Bericht über den Einsatz des Transportes vom 10.9.1944“:
„Der Transport wurde von Detmold und Lage aus am 10.9.44 mit rund 470 alten Leuten und rund 500 Hitlerjungen in Marsch gesetzt. Er erreichte ohne Zwischenfall über Bielefeld-Hamm-Duisburg-Krefeld gegen 15.00 Uhr Kaldenkirchen, das vorgeschriebene Marschziel. Transportführer war Major a.D. Meurer.
In Lage erfolgte keine ordnungsmäßige Übergabe, sodass die Zahl der Transportteilnehmer nicht festzustellen war.
In Kaldenkirchen erfolgte kein Empfang. Die fast 1.000 Teilnehmer wurden zwei Stunden später nach Rückfragen bei dem Ortsgruppenleiter und längeren Verhandlungen mit dem Reichsbahn-Fahrtdienstleiter in Kaldenkirchen in 10 Güterwagen nach Venlo (Holland) weitergeleitet, wohin sie nach erst tags zuvor getroffener Entscheidung , die in Detmold noch nicht bekannt war, weiterzuführen waren.
Auch bei der Ankunft in Venlo erfolgte kein ordnungsmäßiger Empfang. Erst nach Rückfrage bei der Ortsgruppe der NSDAP in Venlo wurden Lotsen bestimmt, die die Führung in das vorgesehene Quartier vornahmen. Dieses konnte nicht belegt werden, da es inzwischen anderweit in Anspruch genommen war. Die Hitlerjugend wurde abgetrennt und unter ihren Führern anderweit untergebracht. Die restlichen 470 Mann wurden erst bei einbrechender Dunkelheit ihrem nunmehrig ausgemachten Quartier, dem St. Thomas-Gymnasium, zugeführt. Das Quartier war gut und für 3 Hundertschaften ausreichend, die vierte kam in eine benachbarte Turnhalle. Das Quartier war nicht vorbereitet. Es bestand aus leeren Stuben und Sälen. Erst spät in der Nacht traf Stroh ein, sodass erst dann eine Schlafgelegenheit geschaffen werden konnte.
Diese Mängel, wie später auftretende, waren kaum vermeidbare Folgeerscheinungen der sehr plötzlichen Improvisation des schnellstens in Marsch zu setzenden Transportes.
Der erste Tag, 11.9.44, diente der Einrichtung der Quartiere, dem Schanzzeugempfang durch die O.T., da viele Leute ohne Schanzzeug ausgerückt waren. Insbesondere wurde eine Überprüfung des Mannschaftbestandes auf Tauglichkeit vorgenommen (erforderlich, da sich viele Leute mit erheblichen Körper- und Gesundheitsschäden meldeten, die zweifellos für den zu erwartenden Schanzeinsatz untauglich waren).
In der ersten dienstlichen Besprechung um 15.00 Uhr (späterhin täglich) wurde den Transportführern die Ermächtigung erteilt, da ein Arzt noch nicht eingesetzt war, (erst am Freitag, dem 15.9.), Kranke und Gebrechliche sofort wieder abzustoßen. Dieses erwies sich in den nächsten Tagen laufend erforderlich, da vielfach von den heimischen Ortsgruppen sehr unwählerisch verfahren und in der Heimat keine ärztliche Untersuchung erfolgt war. Der Prozentsatz der einfach für den Schanzdienst unbrauchbaren Notdienstverpflichteten zeigte sich infolgedessen sehr hoch. Bei den Besprechungen in der örtlichen Leitung fiel das Wort: ‚Die Ortsgruppenführer hätten mit den von ihnen bestimmten Leuten als Hundertschaftsführer ausrücken sollen, um sich selbst von der Unzulänglichkeit der von ihnen vorgenommenen Auswahl zu überzeugen.‘ Schwachsinnige aus Eben-Ezer durften dem Transport nicht zugeführt werden, ebenso wenig wie Leute mit doppelt ausgetretenen Brüchen und Verkrüppelungen an Händen und Füßen u.a. m., wie z.B. nachweisbaren schweren organischen Fehlern. Diese Leute zeigten sich bald als unbrauchbarer Ballast und mussten wieder entlassen werden.
Der erste Einsatz erfolgte am 12.9.44 westl. Venlo auf dem linken Maasufer an einem Panzergraben. Die Arbeit wurde von 4 Hundertschaften von den arbeitsfähigen Männern mit größtem Eifer aufgenommen. Die unterstellten Hundertschaften, zunächst nur Lippe-Detmolder, fanden ungeteilten Beifall der örtlichen Führung und Bauleitung. Das blieb in Venlo unverändert bei hergerichteten Quartieren und allmählich sehr gut zugeleiteter und ausreichender Verpflegung, von einigen Versagern der ersten Tage abgesehen, während der ganzen Schanzzeit vom 12.-27.9. Die von der Bauleitung gestellten Aufgaben, Aushebung von Panzergräben, wurden restlos und fristgerecht erfüllt. Es wurde von 7.00 Uhr bis 18.00 Uhr, Anmarsch etwa ¾ Stunde miteingerechnet, gearbeitet. Unmittelbare Feindeinwirkung erfolgte nicht. Am 17.9. musste das linke Maasufer geräumt werden, die Arbeit konnte schon am nächsten Tag auf Veranlassung der militärischen Dienststellen wieder aufgenommen werden, da die tagszuvor abgesetzten feindlichen Fallschirmtruppen eingekesselt gemeldet waren.
Nach Erledigung der in Venlo gestellten Schanzaufgaben wurde die lipp. Abteilung I, der nunmehr auch die Schaumburg-Lipper, Grafsch. Schaumburg und Kreis Wiedenbrück unterstellt waren, nach Walbeck, 10 km westl. Geldern, am 27.9. verlegt. Transport und Unterbringung gestalteten sich sehr schwierig. Der Transportzug konnte erst mit mehreren Stunden Verspätung in einer kalten Regennacht abfahren. Da der Transport auf dem für die Ausladung vorgesehenen Bahnhof in Pont (bei Geldern) nicht mehr erwartet wurde, waren Lotsen und Fuhrwerke für das Gepäck fernmündlich von Walbeck aus in Pont abberufen worden. Der erst nach Mitternacht ankommende Transport war also bei Regenwetter auf einen zunächst führerlosen 10 km langen Nachtmarsch in unbekanntem Gelände angewiesen, was ganz erhebliche Belastung der Teilnehmer bedeutete, zumal sie ihr Gepäck mitführen mussten.
Als Quartier waren zwei je 300 Mann fassende noch 3 km von Walbeck entfernte Zelte vorgesehen, da Walbeck selbst überbelegt war. Diese Zelte waren unbeleuchtet, das Stroh stellenweise durchnässt. Die Anforderungen dieser Nacht stellten daher Spitzenleistungen für die alten Mannschaften dar. Es entstand dann auch eine regelrechte Krisenstimmung. Die Leute waren bei Hellwerden nach schlafloser, kalter Regennacht nicht zu halten und verlangten Quartiere im Ort Walbeck.
Nur dem Umstand, dass die militärische Belegung in derselben Wacht durch Abrücken von Truppen stark verringert wurde, war es zu verdanken, dass die mit voller Berechtigung verlangte Beschaffung von Quartieren in Walbeck und auf benachbarten Bauernhöfen durchgeführt werden konnte.
Aber auch diese Belegung war unzulänglich, da sie in Kuhställen und auf Heuböden erfolgte, deren Beleuchtung mehrere Nächte infolge Zerstörung des Transformators durch ein abstürzendes Flugzeug unmöglich war und die zudem sehr zugig waren. In einem Fall musste die Unterbringung auf einer Leiter aufgesucht werden.
Alle diese Umstände brachten eine ungewöhnliche Belastung der Schanzer mit sich. Die Anmarschwege waren erheblich länger als in Venlo, die Einwirkung auf die Leute durch die Führung erheblich erschwert.
Wenn trotzdem auch hier die gestellten Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit der Bauleitung und Parteiführung in Walbeck erfüllt wurden, so ist das nur der über jedes Lob erhabenen Haltung der jetzt noch verbliebenen Schanzer zu verdanken. Als ihr bisheriger Führer halte ich mich verpflichtet, hierauf und auch auf das hervorragende Beispiel der Hundertschaftsführer besonders hinzuweisen.
Die Leute haben allerdings einen besonderen Wunsch. Angesichts ihrer bisherigen unter schwierigsten Verhältnissen erfolgten körperlichen Anspannung und naturgemäß allmählich zurückgehenden Leistungsfähigkeit sehnen sie sich umso mehr nach Ablösung, als beim Ausrücken eine solche nach 3 Wochen in Aussicht gestellt war.
Ich beantrage von mir aus eine solche Ablösung und halte sie für dringend erforderlich.
In Anbetracht der kriegerischen Verhältnisse an der Front halte ich auch die Sicherung des Abtransportes der mir bisher unterstellten Männer für eine unbedingt notwendige Angelegenheit, weil in dieser Beziehung auch eine gewisse, die Leistungsfähigkeit beeinträchtigende Beunruhigung herrscht. Die Leute würden sich williger und damit noch besser einsetzen, wenn sie wüssten, dass sie in einer bestimmten Zeit nach erfüllter Notdienstpflicht mit einem geordneten Abtransport rechnen können. Hierüber ist ihnen bisher noch kein Wort gegeben worden.“