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Ereignisse
1938
November

Reichsfilmtage der HJ

In Wien werden vom 22. bis 27. November 1938 die zweiten Reichsfilmtage der HJ durch das Presse- und Propagandaamt der RJF, die Reichspropagandaleitung und die Reichsfilmkammer durchgeführt. Auf dem Programm stehen unter anderem nationalsozialistische Filmgesetzgebung, deutsches Kulturfilmschaffen, moderne Filmtechnik, Filmkritik, Filmmusik und deutscher Amateurfilm.

Mit den Reichsfilmtagen möchte die HJ nicht zuletzt ein Mitspracherecht bei der Filmproduktion anmahnen. Als ein "wesentlicher Teil des Filmpublikums" verlange sie, als "ehrlicher Partner" gehört zu werden.

Der Westdeutsche Beobachter verweist dabei auf die steigende Zahl jugendlicher Filmbesucher bei den Jugendfilmstunden. Von 300.000 im Frühjahr 1934/35 seien die Zahlen auf eine Million 1936/37 und rund drei Millionen im Winter 1937/38 gestiegen.

Bei der Eröffnung der Reichsfilmtage unterstreicht der Leiter des Presse- und Propagandaamtes der RJF, Dr. Lapper, dass 1937/38 zwar schon über drei Millionen Jugendliche in den Jugendfilmstunden gute Filme gesehen hätten, doch habe es sich dabei ausschließlich um alte Film gehandelt. Nun sei durch die Unterstützung des Reichspropagandaministeriums der Wunsch, den Jugendlichen auch aktuelle Filme zu zeigen, verwirklicht worden. Dafür würden nur "staatspolitisch und erzieherisch wertvolle Filme" ausgewählt. Dazu sei nebem dem Prädikat "Jugendfrei" das Prädikat "Jugendwert" eingeführt worden.

In der Berichterstattung über die Reichsfilmtage stellt sich die HJ als "Vorkämpfer einer neuen Filmkunst" dar und bringt dafür als Beispiele den Einsatz von Filmen in der Schulung, die Dorf-Filmabende, den Unterricht der Schulen und die Jugendfilmstunden. Daraus leitet sie die Forderung ab, bei der Gestaltung von Jugendfilmen ein Mitspracherecht zu haben.

In dem Zusammenhang verweist sie auch auf eigene Filmproduktionen der HJ: "Feindliche Ufer", der in den Zeltlagern der Bremer HJ gedreht wurde sowie "Volk baut in die Zukunft" über die Heimbeschaffungsaktion der HJ sowie weitere Jugendfilm. Ferner seien Filme über Berufserziehung, Reichsberufswettkämpfe, das Jugendherbergswerk und die Austauschlager der HJ im Entstehen begriffen.

 

Um der HJ auch aktuelle Filme in den Jugendfilmstunden zeigen zu können, vereinbart die RJF zusammen mit Propagandaminsterium und Reichsfilmkammer, dass die HJ jährlich vier Filme auswählen kann, die sie für "besonders geeignet" hält, und die dann sofort bei Erscheinen vorgeführt werden dürfen. Damit gilt die bisherige Regelung, dass nur Filme gezeigt werden dürfen, die mindestens ein halbes Jahr alt sind, nicht mehr.

Um die Filme auszuwählen, werden zwei Vertreter der RJF in der Filmprüfstelle tätig sein und Filme für das neue Prädikat "Jugendwert" vorschlagen.

 

Der Präsident der deutschen Filmakademie, Müller-Schelde, weist in einer Rede auf den Reichsfilmtagen der HJ auf die Breitenwirkung des Films hin: 438 Millionen Menschen seien 1937 ins Kino gegangen — ins Theater hingegen nur 65 Millionen. Jeder Film könne durchschnittlich mit rund 12 Millionen Zuschauern rechnen, ein Theaterstück mit 100 Aufführungen in zwei bis drei Jahren nur rund 800.000 Menschen.

Zuerst sei der Film nur ein technisches Wunder gewesen, erst viel später habe man seine Beeinflussungsmöglichkeiten erkannt. "Der Jude", so Müller-Schelde mit antisemitischem Unterton, "erkannte diese Möglichkeiten zuerst und nutzte sie negativ aus, die Machtübernahme brachte die entscheidende Wendung und führte den Film wieder ein in die deutsche Kulturpolitik".

Anschließend spricht Müller-Schelde über die Arbeit der Filmakademie, der die Nachwuchsausbildung obliegt, und fordert die HJ auf, Nachwuchskräfte ausfindig zu machen. Die Akademie soll in zwei Jahren in Babelsberg angesiedelt werden, befindet sich derzeit jedoch noch in einem "Notquartier".

Nach Müller-Schelde hält der Hauptreferent der RJF und Leiter der Hauptstelle Jugendfilm in der Reichsamtsleitung Film, Bannführer Schütze, ein Referat über das Filmschaffen der HJ, das unter dem "Gesichtspunkt der Mannschaft" gesehen werden müsse. Die Jugend fordere im Film Menschen, die so seien wie sie selbst. Stärkstes Interesse finde der Märchen- und Kinderfilm. Bei der Eigenfilmarbeit gebe es Fortschritte, neben kleineren Schmalfilmen, die "guten Anklang" gefunden hätten, seien Kurzfilme über die Heimbeschaffung mit allen zu vergebenden Prädikaten ausgezeichnet worden. Nun habe die HJ ihren ersten Großfilm gedreht, "Marschtritt Deutschland", der über den Adolf-Hitler-Marsch handelt.

Zum Abschluss referiert Oberbannführer Dr. Hippler vom Büro der Wochenschau über seine Arbeit und verweist dabei auch auf Szenen in der Wochenschau, die die HJ würdigen.

Auf den Reichsfilmtagen wird auch eine Ausstellung Filmplakate gezeigt, bei der Plakate aus der Weimarer Republik mit denen aus der NS-Zeit gegenübergestellt werden. Ziel ist es, die älteren Plakate für antijüdische Propaganda zu nutzen.

Ausgehend von einer selektiven Auswahl von Filmen wie "Die Verrufenen", "Lu, die Kokotte" und "Die sich verkaufen" werden die Plakate mit den Worten charakterisiert:

"Spekulationen auf die niedrigsten Instinkte, auf das Gemeine, Verbrecherische ist Trumpf. Man hat als Beschauer heute das Gefühl, eine Gleitbahn ins bodenlose Untermenschentum vor sich zu haben. Und hinter all den abszösen Darstellungen, die im Verein mit dem Filmtitel das Publikum anlocken sollten, die die Ehre der Frau, des Soldaten schonungslos in den Dreck ziehen, grinst hämisch das jüdische Gesicht. Der Jude verstand es, die suggestive Massenwirkung des Films in seinen Vernichtungsfeldzug gegen den deutschen Menschen einzuspannen, er packte den Menschen im Filmtheater und machte ihn langsam aber sicher mürbe. Die schwüle Luft der Dekadenz, die den Filmen eigen war, atmen auch die Plakate; es sind Niederschläge entarteten Trieblebens, von denen wir uns mit Grauen abwenden. Und wenn der ostgalizische Jude Richard Oswald als erster 'Kultur'-Filmhersteller neben Filmen wie 'Sündige Mütter' u.a. es wagte, den 'Don Carlos' zu verfilmen, [...] dann kann man den innerlichen Abscheu verstehen, der jeden packte bei dem Gedanken, dass dieses Meisterwerk Schillers unter den unsauberen Händen dieses Filmjuden umgemodelt wurde zu einem Film für Deutsche.
Mit Grauen wendest du dich ab von den Plakaten der Systemzeitfilme, im Herzen den Wunsch, dass sie trotz ihres lauten Geschreis in den Archiven begraben werden."

Zum Abschluss der Reichsfilmtage werden am 27. November 1938 in 27 Wiener Kinos insgesamt 40 Jugendfilmstunden abgehalten, die von 20.000 Jugendlichen besucht werden. An der Festvorstellung in der Wiener Scala nehmen die Führerschaft der Wiener HJ und des Wiener BDM sowie Ehrengäste aus Partei, Staat und Wehrmacht teil. Der Chef des Propagandaamtes der RJF, Hauptbannführer Dr. Lapper, spricht über die Filmarbeit der HJ, die im letzten Jahr einen "ungeheuren Auftrieb" genommen hätten, und verkündet eine verstärkte Filmarbeit im folgenden Jahr.

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