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Ereignisse
1938
Juni

Mittelrhein-Führerlager in Aachen

In Aachen treffen sich vom 11. bis 14. Juni 1938 1500 Führer des Gebietes Mittelrhein zu einem Führerlager. Die HJ-Führer, vom Gefolgschaftsführer an, werden in der Forster-Linden-Kaserne, die DJ-Führer, ab Fähnleinführer, in der Gelben Kaserne untergebracht. Auf dem Sportplatz Neuenhof entsteht ein Musterzeltlager, Vorträge finden im Alten Kurhaus statt.

Vor Eröffnung des Führerlagers wendet sich der Westdeutsche Beobachter mit einem Artikel an die Eltern, um für Vertrauen in die HJ-Führerschaft zu werben. In dem Lager kämen junge Führer zusammen, die aus der Gemeinschaft der mittelrheinischen HJ gewachsen seien, sich als "Kerle" bewiesen hätten und einen Führungsauftrag erhalten hätten, dem sie sich gewachsen zeigten. Die Führerschaft habe sich eine "echte Autorität" erworben und werde damit dem Ausspruch von Baldur von Schirach gerecht, dass wer die Jugend erziehen wolle, diese "ehrfürchtig machen und begeistern können" müsse.

Das Lager dient nicht als reine Arbeitstagung, sondern soll die Führer auch "einheitlich ausrichten" und damit beauftragen, diese Ausrichtung an die Formationen weiterzugeben. Dazu sollen Vorträge "führender Männer von Partei und Staat" sowie ein gegenseitiger Austausch dienen.

Zudem sollen die Führer durch den Aufenthalt in den Wehrmachtskasernen einen "Vorgeschmack auf ihre zweijährige Dienstzeit" erhalten und durch den Aufenthalt in Aachen einen "Begriff von der grenzpolitischen Bedeutung der Stadt" bekommen, die als "Bollwerk im Westen des Reiches auch für die politische Arbeit der HJ wichtig" sei.

In seiner Eröffnungsansprache im alten Kurhaus betont Kreisleiter Schmeer die Notwendigkeit eines "tüchtigen Führerkorps", denn nur die "Führerpersönlichkeiten" könnten die Menschen im nationalsozialistischen Sinne erziehen, die dieses Ideengut restlos in sich aufgenommen hätten.

Gebietsführer Hohoff dankt dem Kreisleiter, der Wehrmacht und der Stadtverwaltung für die freundliche Aufnahme in Aachen und geht dann auf Sinn und Zweck des Lagers ein. Es gehe darum, dass sich die Fähnlein- und Gefolgschaftsführer kennenlernen und austauschen. Von jetzt an würde es jedes Jahr ein solches Lager geben, um der Führerschaft eine "einheitliche Schulung und Ausrichtung" zu geben. Die HJ habe ihre Gestaltung aus dem "gesunden Instinkt der Jugend" heraus erhalten, hier in Aachen werde dem ganzen Gau gezeigt, wie der "neue deutsche Mensch" beschaffen sei.

Im Anschluss an die feierliche Eröffnung findet eine interne Arbeitstagung statt, auf der der Chef des Organisationsamtes der RJF, Gebietsführer Werner Kley, einige wichtige organisatorische Fragen bespricht.

Am Nachmittag spricht Gauschulungsleiter Kölker im Kurhaus zu der versammelten Führerschaft über die Bedeutung des "Soldatentums".

Der Tag klingt gemeinsam im Aachener Stadttheater bei einer Aufführung des "Vogelhändlers" aus.

Anlässlich des Führerlagers veröffentlicht Gebietsführer Hohoff am 14. Juni 1938 einen Artikel im Westdeutschen Beobachter, in dem er zur Bedeutung der Politik innerhalb der Jugenderziehung Stellung nimmt. "Politisierende Jugendliche sind uns ein Greuel — politische Jugend dagegen ist ein Gebot unserer Zeit", leitet er den Artikel ein. Die Abwertung des Begriffes "politisch" als "charakterlos" schiebt er der "Systemzeit" zu, in der die "gesamte faule bürgerliche Welt" in ein "lautes Wehgeschrei" ausgebrochen sei, als die Jugendlichen in den parteipolitischen Kampf eingegriffen hätten.

Die besten dieser Jugendlichen seien der "Fahne des Führers" gefolgt und hätten sich gegenseitig erzogen. Damals sei eine "junge Mannschaft der Getreuen des Führers" aufgestanden, die ersten Gruppen der HJ. Von dort bis zum HJ-Gesetz von 1936 sei es zwar ein weiter Weg gewesen, doch gebe es einen "unmittelbaren inneren Zusammenhang".

Als diesen Zusammenhang stellt er das Prinzip der Selbstführung der HJ heraus und stellt heraus, dass die nationalsozialistischen Erziehungsmaßnahmen auch in die Familien Einzug halten müssten. Daran habe der "Führer" nie einen Zweifel gelassen. So dürfe sich der Begriff "ordentlicher Sohn" nicht länger nur auf die Schulleistungen beziehen, sondern müsse auch davon abhängen, inwieweit ein Junge ein "einsatzbereiter Hitlerjunge oder Pimpf" sei. und von der "Gemeinschaft seiner Gleichaltrigen als Kerl anerkannt" werde.

Das Aufgehen in der HJ bedrohe keinesfalls den Bestand der Familie, sondern gereiche dieser zu besonderer Ehre. Es sei ein "natürlicher Trieb, zu kämpfen, zu gestalten, sich einzusetzen ohne Hilfestellung von Gouvernanten und Moralpredigern". Werde dieser unterdrückt, werde der Unternehmungsgeist abgetötet und es trete die "berühmte bürgerliche Geruhsamkeit" an dessen Stelle. Das Zusammenbrechen des Wilhelmischen Zeitalters und die "Ohnmacht des Volkes vor der sich anschließenden roten Revolte" sei nichts anders als eine "Quittung für eine unpolitische Jugenderziehung", die "einstmals in der Welt den Begriff des 'deutschen Michels' schuf".

Der Kritik, den Jugendlichen in der HJ mangle es an "Achtung und Autoritätsanerkennung vor dem Alten und vor dem Alter" entgegnet Hohoff, es habe nie eine Jugend gegeben, die "so starke und wahre Ehrfurcht vor allem Großen und Alten" habe wie die HJ. Vorbild sei, "im Dienst und Einsatz für eine große Sache grau geworden zu sein". Die Jugend habe heute vor anderen Sachen Ehrfurcht als früher, mehr vor den Standarten der SA als vor der "Selbstgefälligkeit angehäufter Erfahrenung und Wissenschaften", mehr für die "Alte Garde der Partei" und die Wehrmacht als für den "Schein lügnerischer bürgerlicher 'Gesellschaftsfähigkeit'".

Man erlebe eben eine "Zeit innerer revolutionärer Umgestaltung", bei der die Jugend naturgemäß im Brennpunkt stehe. Zu allen Zeiten werden die "Jugend von heute" unvollkommen sein, selten aber habe es eine Zeit gegeben, in der in der Jugend "so viel Glauben, innere Sauberkeit, Opferbereitschaft und Tatendrang aufkeimte und sichtbare Gestalt annahm wie in unseren Tagen".

Am 13. Juni 1938 spricht Stabsführer Hartmann Lauterbacher im Alten Kurhaus vor der HJ-Führerschaft über das Prinzip der Selbstführung der HJ und führt aus: "Die Pflege des Guten und Gesunden im jungen deutschen Menschen und die Beachtung der Grundprinzipien: Freiwilligkeit, Selbstverantwortung, junge Führung, wahre Disziplin und Einordnung — auf einen Nenner gebracht: Haltung — bieten Gewähr, dass aus der Hitler-Jugend Männer erwachsen werden, die alle Zukunftsaufgaben des deutschen Volkes und Staates lösen können."

Am Abend des zweiten Tages des Führertreffens findet im Krönungssaal des Rathauses ein Appell statt, bei dem Kreisschulungsleiter Berchen aus Bonn das Heilige Römische Reich deutscher Nation mit dem "Deutschen Reich germanischer Nation", das nun "in alle Ewigkeit bestehen solle", gegenüberstellt. Die deutsche Geschichte habe nun wieder einen Sinn bekommen, "den Sinn, dass wir von nun an bis in die Ewigkeit nur mehr der deutschen Nation und dem deutschen Gedanken dienen".

Am letzten Tag hält der Chef der Kanzlei des Gauleiters, Gauamtsleiter Thiel, eine Rede, in der er klar stellt, dass die nationalsozialistischen Grundsätze zwar entschieden vertreten werden müssten, der "unbestrittene Besitz der Macht" der Partei jedoch die Möglichkeit gebe, "kleine Dinge großzügig zu behandeln". Zudem habe der Nationalsozialismus Ehrfurcht vor den "großen Männern der deutschen Geschichte" und betreibe daher keine "Bilderstürmerei". Prinzipien aus der "Kampfzeit" seien noch heute gültig: "Tugenden wie Mut, Fleiß, Wahrhaftigkeit und Treue" sowie "eisernes Pflichtbewusstsein".

Am Abend findet die Schlusskundgebung auf dem Katschhof statt, bei der 1000 Teilnehmer des Führerlagers mit 2000 Angehörigen der Aachener HJ und des BDM antreten. Nach einleitenden Worten von Gebietsführer Hohoff hält Staatsrat Willi Börger eine Rede, in der er die Jugendlichen ermahnt, "Träger und Propagandisten der nationalsozialistischen Weltanschauung" zu sein, die auf der "Erkenntnis von der Bedeutung des Blutes für die Volksgemeinschaft" gründe.

Zum Schluss folgen die Hymnen und ein Vorbeimarsch der Lagermannschaft an Gebietsführer Hohoff und Kreisleiter Schmeer am Elisenbrunnen.

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