Einstellung der katholischen Landbevölkerung
In einem Stimmungsbericht heißt es für den Januar 1938 „Zur politischen Einstellung der katholischen Landbevölkerung“ im Kreis Lippstadt:
„Weil die monatlichen Stimmungsberichte wegen Mangel an Material sehr leicht verflachen und sich in Kleinkram verlieren, habe ich mich bemüht, jetzt zu Anfang des neuen Jahres vorweg ein Kapitel zu behandeln, das in einem überwiegend ländlichen und katholischen Kreise die Einstellung der Bevölkerung zur Politik und zur Staatsführung in etwa wahrheitsgetreu wieder gibt.
Weil die Stimmung und Einstellung der Bevölkerung in sehr starkem Maße von dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche abhängig ist, lasse ich hier zunächst den Bericht eines meiner zuverlässigen Gewährsmänner folgen. Er schreibt u. a.: „Die politische Einstellung der Landbevölkerung wird sehr stark beeinflusst durch das Verhältnis des Staates bezw. der Partei zur Kirche. Am letzten Sonntag fand hier eine von der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP veranstaltete Kundgebung statt, in der der Redner in seinem durchweg geschichtlichen Vortrage auch das Verhältnis des nationalsozialistischen Staates zu den beiden Kirchen streifte. Er machte die Bemerkung, dass beide Kirchen auch ohne fremdes Zutun ihrem baldigen Untergange entgegen gingen. Beide Kirchen, die evangelische sowohl wie die katholische, seien längst in voller Auflösung begriffen, und es bleibe uns nur noch die Aufgabe, die ‘Konkursmasse’ zu liquidieren.
Diese Ansicht kann ich nach den Beobachtungen, die ich in katholischen Gegenden mache, nicht ganz teilen. Es ist möglich, dass in der evangelischen Bevölkerung die Grundlage für die Kirche, der Glaube an die Dogmen verloren gegangen ist. In den katholischen Gegenden ist dies aber bestimmt nicht der Fall. Die gesamte bäuerliche Bevölkerung wenigstens hält an ihrem Dogmenglauben heute noch genauso fest, wie vor 100 und mehr Jahren. Und dasselbe wird man auch von den übrigen Berufsschichten auf dem Lande sagen können.
Es wird bestimmt richtig sein, dass alle Gebilde, die die Zeitenwende nicht sehen und nicht mitmachen wollen, dem Untergange geweiht sind. Aber von der katholischen Kirche kann gesagt werden, dass sie ihr Leben mit ihrer bekannten Zähigkeit verteidigt. Und aus ihrem Alter und aus ihrer ganzen Geschichte kann auch geschlossen werden, dass sie einen langen Todeskampf haben wird, der Menschengenerationen überdauern kann. Partei und Staat stehen da ziemlich machtlos, wenn sie nicht zu Mitteln greifen wollen, die das Volk aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Auch mit Aufklärung ist bei der jetzt lebenden Generation, mit Ausnahme der heranwachsenden Jugend, nichts zu erreichen. Erreicht wird vorläufig eher genau das Gegenteil. Die Bevölkerung ist für eine Aufklärung in kirchlichen Angelegenheiten durchaus unzulänglich. Sie wird verstimmt, wenn Kirchenfragen überhaupt nur irgendwo und irgendwann berührt werden. Das sind Dinge, über die Menschen überhaupt nicht urteilen können. Die Kirche ist von Gott eingesetzt und die alleinseeligmachende. Daran kann beim westfälischen Bauern niemand rütteln. Wer in Fragen, die zwischen Staat und Kirche strittig sind, mit dem Staate geht, wird von der katholischen Bevölkerung als treulos angesehen. ‘Wer der Kirche treulos wird, auf den ist auch sonst kein Verlass.’ So hört man hier immer wieder. Man beurteilt den ganzen Charakter eines Menschen nach seinem Verhalten der Kirche gegenüber.
Kirche und Religion sind hier bei den Leuten ein und dasselbe. Dass es religiöse Menschen geben kann, ohne dass sie einer Kirche angehören ist hier nicht zu verstehen. Wer so etwas sagt, der kennt von Religion nichts. Für die katholische westfälische Landbevölkerung treffen die Worte des Führers in „Mein Kampf“, Seite 293, buchstäblich zu. Er sagt dort, dass die breite Masse des Volkes nicht aus Philosophen bestehe und sie sich ohne Dogmen keine religiösen Bindungen vorstellen könne. Ohne Dogmen würde eine religiöse Idee niemals über eine metaphysische Anschauung, eine philosophische Meinung hinausgehen. Die Beseitigung der Dogmen würde deshalb in einem wertlosen Nihilismus endigen.
Bei unserer heutigen Landbevölkerung würde dies letztere tatsächlich eintreten, wenn man ihr den Glauben an die Glaubenssätze ihrer Kirche nehmen wollte. Sie würde inhaltlich haltlos werden. Nur eine langsame Umstellung, angefangen bei der heranwachsenden Generation, ist hier am Platze.
Das Gesamtbild auf dem Lande in kirchlicher Hinsicht ist hier nicht viel anders, als vor der Machtübernahme. Die Bevölkerung sieht ihre Kirche bedroht und stellt sich so gut wie restlos zum Schutze ihrer Kirche hinter die Geistlichkeit. Hieran haben auch die kirchlichen Sittlichkeitsprozesse nichts ändern können.
Es wäre aber falsch, hieraus den Schluss ziehen zu wollen, dass das katholische westfälische Landvolk weniger vaterlandsliebend und vaterlandstreu sei, als andere deutsche Stämme. Ich möchte eher das Gegenteil behaupten. Der westfälische Bauer und Arbeiter freut sich genauso, wie jeder andere Deutsche über die Wiedererstehung des deutschen Volkes. Nur das, was im Allgemeinen seine Stärke ausmacht, seine stark konservative Art, seine Gefolgschaftsnatur, das kann auch zu Zeiten seine Schwäche sein. Der Westfale ist weniger Wegbereiter als Gefolgsmann. Neues als richtig oder falsch erkennen, ist für ihn schwer. Er wird deshalb der letzte sein, der den Weg der Loslösung von der katholischen Kirche findet. Auch hier haben wir die beruhigende Gewissheit, dass der Führer das starke Bindungsverhältnis zwischen Kirche und Gläubigen genau sieht, und seine Maßnahmen mit Klugheit und Ruhe treffen wird. Er sagt in „Mein Kampf“ Seite 513:
‘So steht sie (die katholische Kirche) heute fester da als je. Man kann prophezeien, dass in eben dem Maße, in dem die Erscheinungen fliehen, sie selbst als ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht immer mehr blinde Anhänger erringen wird.’ Wenn dies auch so gedacht ist, dass die katholische Kirche ihre Anhängerschaft, die sie in den Kulturländern verliert, in den Missionsländern wiedererlangt, so zeigen diese Worte doch, dass der Führer die Stärke der katholischen Kirche und ihre Macht auf ihre Anhängerschaft genau kennt. Man braucht auch kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass das, was in der jetzigen Generation nicht möglich ist, bei der heranwachsenden Generation zum Teil gelingen wird. Schule und nationale Verbände werden es bestimmt erreichen, dass das Totalitätsprinzip, die volle und alleinige seelische Erfassung des ganzen Menschen, die die katholische Kirche bisher in so erstaunlicher Weise in der Praxis verwirklicht hat, bei unsern Nachkommen durchbrochen sein, und dass bei ihnen auch der Staat voll zu seinem Rechte kommen wird.
Ich möchte diesen kurzen Überblick mit einem Worte Gustav Freytags (Bilder aus der Vergangenheit, Bd. I, Seite 213) schließen: ‘Wohl wandelt sich in jedem kräftigen Volke im Laufe der Jahre sein Götterglaube; leise, allmählich wie die Sprache und die Gedanken der Weisen bildet er sich weiter; aber auch er arbeitet unauflässig, das Volk durch heilig gewordene Gestalten und Lehren zu richten und zu beschränken, bis die Jahre kommen, wo das Volk in ihm verdirbt und vergeht, oder unter gewaltigen Kämpfen überwindet. — Nur günstige Erdenschicksale und große Menschenkraft gestatten dem Volke einmal wieder, je nach seinem Charakter und der Sehnsucht seines Gemütes, den Götterglauben neu umzuschaffen; dann wird er vergeistigt, systematisch, zweckvoll im Sinne kluger Priester und der staatlichen Gemeinschaft.’
Die Zeitenwende ist gekommen. Große Menschenkraft offenbart sich heute in den wiedererwachenden Nationen und großen Führern. Auch günstige Erdenschicksale scheinen uns beschieden zu sein. Was uns aber sicher nicht beschert, das sind die klugen Priester. Möge das Schicksal verhüten, dass die Priester dem deutschen Volke, wie so oft schon in seiner Geschichte, nicht noch einmal verhängnisvoll werden.“
Den interessanten Ausführungen meines Gewährsmannes trete ich im Allgemeinen bei. Unentwickelt geblieben ist jedoch in seinen Ausführungen die Ursache, die eine so starke Beziehung des deutschen Menschen zur Kirche anstatt zum Staat ermöglicht. Hierbei neige ich zu der Auffassung, dass die Staatsführungen vor und nach dem Kriege in diesen Dingen allzu nachlässig geworden sind. Die früheren Staatsführungen haben die Schulung und Erziehung des Volkes freiwillig und ohne nennenswerten Widerstand aus der Hand gegeben und so den Konfessionen überlassen. Der Staat hat sich getreu den liberalistischen Grundsätzen zu jedem aktiven Eingreifen erst dann bereit gefunden, wenn grobe Missstände zu beseitigen waren. Er beschränkte sich im Allgemeinen darauf, Steuern zu erheben, Kriegsdienst zu fordern und überhaupt Zwangsmaßnahmen durchzuführen. Mit diesen unangenehmen und nur fordernden Aufgaben trat die Staatsführung an die Bürger heran. Die angenehmen Aufgaben dagegen, wie das gesamte Bildungswesen, die freiwillige Wohlfahrtspflege usw. überließ der Staat in vollem Umfange den Religionsgesellschaften oder ihren Einrichtungen. Die Folgen dieser Freigiebigkeit oder besser dieser sträflichen Gleichgültigkeit der Staatsführung hat unsere Generation nun auszulöffeln. Wie sehr die Bevölkerung auch heute noch in ihrer Mehrzahl den kirchlichen Einrichtungen treu ist, beweisen z. B. die Austrittserklärungen in der Zeit vom Januar bis Ende Dezember 1937. Insgesamt sind im Kreise Lippstadt etwa 320 bis 330 Kirchenaustritte erklärt worden. Rund die Hälfte davon entfällt auf Angestellte pp. von nationalsozialistischen Schulungslagern, wie z. B. dem Österreicher-Lager in Lippstadt, RAD-Lager usw. Der Rest von rund 150 Austrittserklärungen ist gegenüber einer Einwohnerzahl von 61 000 nur 0,99 %. Ein solcher Prozentsatz ist m. E. nach 5-jähriger Machtübernahme und nach ständiger und gründlicher Aufklärung als gering zu bezeichnen. Auch diese Tatsache beweist erneut die Anhänglichkeit der Bevölkerung an ihren kirchlichen Einrichtungen. Mitte Dezember v. Js. z. B. wurde in den katholischen Kirchen eine sogenannte Volksabstimmung für oder gegen die konfessionellen Schulen durchgeführt. Wenn auch die Art der Abstimmung auf Richtigkeit und Gültigkeit keinerlei Anspruch erheben konnte, so war die Zahl der abgegebenen Stimmen und überhaupt die Beteiligung an der Abstimmung doch so groß, dass daran wiederum ein starker Beweis für die Anhänglichkeit an kirchlichen Einrichtungen zu erblicken ist.“