Dienstreise ins „Protektorat“
Am 5. Dezember 1944 erstattet Regierungs- und Schulrat Lachmann vom Reichserziehungsministerium „Bericht über die Dienstreise ins Protektorat vom 30.11. bis 2.12.1944“. er lautet:
„Wegen Zugverspätung traf ich erst Donnerstag (1.12.) mittags in der KLV-Lagerleiterschule ein. Da dieser Tag der letzte Lehrgangstag war, hatte ich nur Gelegenheit, die Zusammenfassung der Lehrgangsarbeit durch den Schulführer Thomas zu hören. Er beantwortete zunächst Anfragen der Teilnehmer über das KLV-Schrifttum. Danach stehen außer dem Nachrichtenblatt KLV zur Verfügung die Richtblätter „Unser Lager". Ihnen soll in nächster Zeit ein von Bannführer Dr. Bartels (RJF) redigiertes Sonderheft mit dem Titel: „Die Lagererziehung" beigegeben werden. Die Lagerleiter(innen) wurden aufgefordert, dafür Beiträge zur Verfügung zu stellen. Diese Beiträge sollen sich auf die gesamte Lagerarbeit einschl. der Schularbeit erstrecken. Es besteht wohl kein Zweifel, das die HJ damit den Versuch unternimmt, eine schulfachliche Zeitschrift in ihre Hand zu bekommen. Das Sonderheft würde etwa den Charakter haben, wie der bisherige nichtamtliche Teil des MBlWEV. M.D. muss das Ministerium bald entscheiden, ob Lehrkräfte das Sonderheft „Die Lagererziehung" mit schulfachlichen Beiträgen usw. unterstützen dürfen. Ich habe grundsätzliche Bedenken.
Weiter erscheinen im Rahmen des KLV-Schrifttums die Monatszeitschrift „Junge Heimat" und das Monatsbuch der KLV. Herausgegeben wird demnächst das Jahresdienstbuch KLV in Form eines Kalenders. Ferner sollen im nächsten Jahr zahlreiche Sonderbücher erscheinen, z.B. ein Spiel- und Sportbuch, ein Singebuch, ein Buch für Gartenbau, ein Frühlingsbuch, Märchenbücher, ein Buch mit Tischsprüchen, mit Fahnensprüchen u.a. Ausgebaut sollen werden die Handbücherei für Lagerleiter und Lagermannschaftsführer. Alles in allen bedeutet das eine Menge Papier für die zahlenmäßig nicht stark ins Gewicht fallende KLV.
Der Schulführer nahm sodann zu Luftschutzfragen in der KLV Stellung und sprach anschließend über das Verhältnis Lagerleiter-Wirtschaftsführung. Der Lagerleiter sei dafür verantwortlich, dass die Verpflegung in Ordnung ist. Missstände habe er zu melden. Ein unmittelbares Eingreifen in die Wirtschaftsführung sei ihm jedoch nicht gestattet.
Weiter wurde die Bearbeitung von Bau-(Umbau-)vorhaben in KLV-Lagern geklärt und sodann die Stellung der Lagerleiter zum Deutschen Volkssturm behandelt. Es komme für sie nur eine sogenannte informatorische Teilnahme vor allen an der Waffenausbildung, keinesfalls aber die organisatorische Eingliederung oder die Übernahme eines Amtes im Deutschen Volkssturm in Frage.
Der Schulführer forderte sodann für die KLV-Lager die verstärkte politische Erziehung, die sich von jedem Pessimismus fernzuhalten habe.
Die Zusammenfassung der Lehrgangsarbeit erschöpfte sich in der Hoffnung des Schulführers, dass die Teilnehmer neue Anregungen und Erkenntnisse gewonnen haben und gestärkt und neu ausgerichtet an ihre Wirkungsstätten zurückkehren möchten.
Der Lehrgang selbst war wiederum nur schwach besucht. Gegenüber 170 - 180 Teilnehmern in den früheren Kursen waren zu dem soeben abgelaufenen Lehrgang nach und nach 79 Lagerleiter(innen) erschienen. In den letzten Lehrgängen überwog die Zahl der weiblichen Teilnehmer. Auch auf dem letzten Lehrgang sind von uns beanstandete Vorträge gehalten worden, z.B. von Prof. Kladner „Russe und Humor". Prof. Dr. Kleeberg hält diesen Vortrag, der sehr wertvoll sein soll, zur Entspannung der Teilnehmer für erforderlich. Ich bin nicht der Meinung, dass die Lagerleiter(innen) in Podiebrad so angestrengt würden, dass besondere Entspannungsvorträge notwendig wären.
Entgegen unseren Absichten ist auch Prof. Dr. Sailer/Nürnberg mit einem Vortrag über „Charaktererziehung" auf dem Lehrgang vertreten gewesen. Dr. Kleeberg erklärte, dass S. ohne sein Zutun gewonnen worden sei.
Aufschlussreich für mich war die Ansicht Dr. Kleebergs, dass mit der Schließung der KLV-Lagerleiterschule die Lehrerschaft in der KLV völlig der HJ ausgeliefert würde. Er, Kleeberg, nähme sich kein Blatt vor den Mund und benutze jede Gelegenheit, den Lagerleitern den Rücken zu steifen. Er habe sich schon manchmal gewundert, dass ihm die HJ noch keine Schwierigkeiten bereite. Wieweit das der Fall ist, kann ich nicht beurteilen, da ich während meiner kurzen Anwesenheit auf den Lehrgängen solche Ausführungen zu hören noch nicht Gelegenheit hatte. Im allgemeinen bestreite ich, dass gerade Podiebrad mit den zahlreichen Vorträgen von HJ-Führern die Lagerleiter(innen) in ihrer Eigenschaft als Lehrkräfte unterstützen.
Dr. Kleeberg gab sodann seiner Unzufriedenheit mit seiner Stellung als stellv. Schulleiter in der KLV-Lagerleiterschule Ausdruck. Er solle sich deshalb mit Bannführer Dr. Bartels in Verbindung setzen. Ich erinnere Kl. daran, dass ich diese Entwicklung der Dinge vorausgesehen und meine Bedenken gegen die getroffene Regelung wiederholt geäußert hätte.
Freitag, den 12.12. besprach ich mit Min.Rat Dr. Heckel in Prag die Beurlaubung von Schulkindern in der KLV. Fragen der staatlichen Schulaufsicht, des Religionsunterrichts in KLV-Lagern und verschiedene Einzelfälle (Stöcker, Rimbach). Dr. H. hat um direkte Übersandung aller in KLV-Angelegenheiten ergehenden Erlasse, da er sie auf dem üblichen Wege oftmals sehr spät oder gar nicht erhalte. Andererseits sagte er die Übersendung der monatlichen Übersicht über die Stärkezahlen der KLV des Protektorats zu. Z.Zt. liegt die Zahl der in diesem Raum umquartierten Kinder zwischen 22- und 24.000. Höchstaufnahmezahl sei rd. 30.000. Die uns von der HJ genannten Zahlen lagen stets wesentlich höher.
Eine längere Aussprache, an der auch Oberschulrat Leichert und sein Hilfsarbeiter, Rektor Rimbach, teilnahmen, erfolgte über die Pflichtstundenzahl von Lager- und Hauptlagerleitern sowie von Standortbeauftragten. Die Frage wurde schließlich auf der Grundlage unseres Runderlasses vom 26. Juli 1944 - E I a (14 KLV) 261, EII, EIII, K II - geregelt.
Bezüglich der KLV-Schulen in Bad Podiebrad äußerte sich Min.Rat. Dr. Heckel ablehnend. Er habe in diesem Sinne eine Eingabe an die Partei-Kanzlei gerichtet. Dass trotz der Maßnahmen zur Durchführung des totalen Krieges die Schulen in Podiebrad noch bestünden, komme vor allem daher, dass sich die Wehrmacht diese großräumigen Gebäude für den Fall reserviere, dass Verlegungen - insbesondere von Lazaretten - aus Prag notwendig werden sollten. Da hierfür ein Termin nicht angegeben werden könne, lasse man den Schulbetrieb lieber zunächst weiterlaufen, als dass diese Häuser längere Zeit leerstünden. H. bat, diese Mitteilung vertraulich zu behandeln.
Nachmittags besprach ich schwebende KLV-Angelegenheiten auf der Dienststelle KLV in Prag. Die mir im September zugesicherte Reduzierung der Bannbeauftragten, soweit es sich um Lehrer handelt, sollte bis Ende d.Js. durchgeführt werden. Im Falle Rektor Ebbinghaus will die Dienststelle KLV nunmehr die Linie der RJF einhalten, d.h. sich für E. bei dem Staatsminister nicht weiter einsetzen. Ich wandte mich sodann dagegen, dass der sogenannte Gebietslagerleiter, Oberstudienrat Dr. Stöcker, Aufgaben bearbeite, die über den Rahmen hinausgehen, die von uns für diese Kräfte mit der RJF vereinbart worden sind. St. untersucht Disziplinarsachen, betreibt Versetzungen von Lehrkräften und arbeitet kurz gesagt als schulfachlicher Sachbearbeiter bei der Dienststelle KLV. Ich werde dem staatlichen Schulbeauftragten KLV, Oberschulrat Leichert, nahelegen, solchen Eingriffen Stöckers in die Angelegenheiten der Schulverwaltung entgegenzutreten. St. selbst bat mich bezeichnenderweise, nicht eine so scharfe Abgrenzung der Zuständigkeiten zu fordern.
Sonnabend beabsichtigte ich die nach Mähr. Weißkirchen verlegte Oberschule für Jungen aus Hamburg. Verlegt wurden die Klassen 1 bis 5 unter Oberstudiendirektor Dr. Arnoldt als Hauptlagerleiter. Die Klasse 5 ist vor einiger Zeit zum Schanzendienst nach Haburg zurückgerufen worden. Leider seien die Jungen bisher nicht eingesetzt worden und tummelten sich nun ohne Beschulung in ihrer Heimatstat umher. Die Klassen 1 bis 4 -insgesamt 180 Kinder- sind in 3 getrennten Lagern untergebracht. Klasse 1 und 2 befinden sich in der Frauenberufsschule, Klasse 3 ist nach Bad Taplitz umquartiert worden und Klasse 4 wohnt in der landwirtschaftlichen Fachschule. Alle Klassen können vollen Unterricht nach den Richtlinien - z.T. im Gymnasium in Mähr.Weißkirchen- erhalten. Dafür stehen insgesamt 10 Lehrkräfte zur Verfügung. Beunruhigt sind die Lager dadurch, dass sie noch vor Weihnachten nach Jarmer verlegt werden sollen. Ich habe zugesagt, mich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass die Verlegung, die von Staatsminister Frank wegen der Bandengefahr angeordnet worden ist, erst nach Weihnachten erfolgt. Z.Zt. besteht absolut keine Gefahr für die Lager.“