Fortsetzung der KLV trotz näherrückender Westfront
Im Rahmen einer Dienstreise, die Ministerialrat Holfelder und Ministerialrat Kühn in die „westlichen Grenzgebiete“ unternehmen, findet in Köln eine Besprechung über die KLV statt.
Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie die KLV angesichts der immer bedrohlicheren Kriegslage im Westen einerseits und zunehmender Widerstände der Eltern andererseits forciert werden kann.
Vizepräsident Jüttner betont, „dass die Eltern weithin gegen die Verschickung seien. Gerade in letzter Zeit konnte beobachtet werden, dass zahlreiche Eltern ihre bereits verschickten Kinder zurückholten, um sie in der jetzigen Situation bei sich zu haben. Nicht selten sträubten sich Eltern gegen die Verschickung, weil sie die Ernährungsverstärkung durch die Kinder ausnutzen wollen. Darüber lägen übereinstimmende Berichte der Rektoren vor. Gaueigene Verschickung sei wegen der starken Truppenzusammenziehungen nicht mehr möglich. Bisher seien die Kinder nach Schlesien, Sachsen und dem Sudetengau verschickt worden. Nachdem sie 6 Monate weggewesen seien, strebe ein großer Teil in die Heimat zurück.“
Jüttner lehnt sowohl eine geschlossene Zwangsverlegung als auch eine einfache Fortsetzung des Schulunterrichts ab: „Es sei ebenso falsch, zu sagen: wir schließen die Schule und verschicken die Kinder, wie den Standpunkt zu vertreten: wir unterrichten weiter und warten ab. Richtig sei, die Schulpflicht aufzulockern und die Schule gewissermaßen zu offerieren. Eltern, die davon keinen Gebrauch machen wollen, weil sie für ihre Kinder fürchten, dürften keinesfalls in Schulstrafen genommen werden.“
Nicht beschulte Kinder sollen von ihren Lehrern wenigstens 1-2 Stunden täglich betreut werden: „Nur auf diese Weise könne der Demoralisierung der Jugend vorgebeugt werden.“
Auch Gauleiter Grohè spricht sich dagegen aus, „dass man den Eltern gegen ihren Willen ihre Kinder nehme. Solange wie möglich solle Schule gehalten werden. Daher sei bis in die jüngste Zeit der Schulbetrieb aufrechterhalten worden. Jetzt lasse der Luftkrieg tatsächlich keine Stunde mehr frei für einen ungestörten Unterricht. Daher seien die Schulen nunmehr geschlossen worden. (...)
Der Gauleiter wies dann auf die Möglichkeit hin, dass sich seinem Gau die Landfront plötzlich nähere und fragte, was dann mit den Kindern geschehen solle. Sie zwangsweise von den Eltern wegzunehmen, wäre falsch. Die Hauptsache sei, die Moral der Bevölkerung zu halten. Dieses Ziel zu erreichen, müssten gegebenenfalls selbst Opfer von nicht verschickten Kindern hingenommen werden. [!] (...)
Daher schlage er als Mittelweg vor: a) intensive Werbung für die freiwillige Verschickung, b) Überprüfung durch die Ortsgruppenleiter, welche Kinder weggebracht werden könnten. Der Gesichtspunkt der Luftbedrohtheit sei dabei zu berücksichtigen. Ebenso sollten Kinder verschickt werden, deren Eltern froh seien, sie wegen ihrer Berufsarbeit los zu sein. Allerdings müsse man die Kinder möglichst postnahe verschicken, weil sonst die Eltern noch mehr Schwierigkeiten machten; eine gauinterne Verschickung komme wegen der sehr geringen Aufnahmemöglichkeiten kaum in Frage. Wichtig sei, dass man den Eltern schon bei der Werbung den Aufnahmeort angeben könne und dass man ihnen klarmache, dass es zur Zeit lediglich in der KLV möglich sei, den Kindern einen geordneten Schulunterricht zu erteilen.“
Als Fazit der Dienstreise wird u.a. festgehalten:
„3) Alle Beteiligten lehnen im gegenwärtigen Zeitpunkt eine größere Verschickungsaktion, insbesondere eine vorsorgliche KLV, aus dem Westen ab, weil mit ihr sofort einige schwerwiegende Probleme ausgelöst würden, z.B. die Raum-und Transportfrage, die Haltung der Elternschaft und die Deckung des Lehrerbedarfs. (...)
5) Im Hinblick auf den herrschenden Lehrkräftemangel kommt nur eine Schulverlegung in Frage, die zu Buche schlägt und den sparsamsten Einsatz der Lehrkräfte gestattet.
6) Alle Beteiligten, außer dem Regierungspräsidenten in Münster, sprachen sich gegen die Anwendung von Zwang bei der Verschickung aus.“