Ernteeinsatz verschickter Schülerinnen
Am 4. August 1944 richtet der Hauptlagerleiter des KLV-Standortes Bansin folgendes Schreiben an den Kölner Bürgermeister Niemeyer:
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Gestern Vormittag wurde uns in einer Sitzung der Hauptlagerleiter vom dem Bezirksbeauftragten KLV (Heringsdorf) in seiner Eigenschaft als Leiter des Einsatzstabes mitgeteilt, dass auf Grund der neuen Bestimmungen über den totalen Kriegseinsatz nach Weisung des Gauleiters (Pommern) ein zeitlich nicht befristeter Kriegseinsatz aller Schülerinnen über 14 Jahre hier vorgesehen ist. Die Mädel müssen ab kommenden Montag (7.8.44) einsatzbereit stehen. Wie der Einsatz im Einzelnen geplant ist - die Tätigkeit im Einsatz selbst liegt fest -, ist noch nicht bekannt. Doch soll er nach Schulen unter Mitwirkung der Lehrkräfte erfolgen, ......werde wahrscheinlich auch mitgehen, die als Führer der Einsatzgefolgschaften (Haupteinsatzleiter), unterstützt durch eine Hauptführerin, bzw. der Einsatzscharen, wiederum durch eine Führerin unterstützt, die Mädel begleiten und betreuen. Auf 90 bis 100 Mädel kommen 4 Lehrkräfte. Betroffen von dem Einsatz werden von meiner Anstalt etwa 140 Schülerinnen. Für die Mädel unter 14 Jahren wird der Unterricht im Lager auch weiterhin erteilt werden. Die nicht einsatzfähigen Schülerinnen über 14 Jahre werden aus den verschiedenen Schulen auf Usedom in Sammelklassen zusammengefasst und unterrichtet.
Die Maßnahme entspricht dem Ernst der Stunde; die große Verantwortung, die dadurch auf uns Erziehern ruht, muss getragen werden. Zweifellos wird dieser Einsatz auch die Eltern unserer Schülerinnen, die z.T. ihre Kinder nur mit großen Bedenken so weit von Köln weg nach hier haben gehen lassen, mit großer Sorge erfüllen; sie werden den begreiflichen Wunsch haben, dass ihre Kinder den Einsatz in der Rhein-Provinz oder in unseren Nachbargauen leisten. Bereits jetzt sind die Eltern der Schülerinnen, die z.Zt. zum Besuch ihrer Kinder hier weilen, bei mir deswegen vorstellig geworden. Ich muss erwarten, dass die in Köln weilenden Eltern, sobald sie die Nachricht von ihren Kindern haben, in größerer Zahl angereist kommen bzw. mir deswegen schreiben. Es ist auch zu erwarten, dass sich die Eltern mit entsprechenden Anfragen an Sie oder unseren Gauleiter wenden werden. Ob diese Bemühungen der Eltern aussichtsreich sind, entzieht sich natürlich meiner Beurteilung. Ob es andererseits angängig ist, dass Sie bereits geeignete Schritte in dieser Hinsicht unternehmen, muss ich Ihrer Beurteilung überlassen. Ich glaube allerdings, dass es sehr zur Beruhigung der Eltern beitragen würde, wenn man ihnen versichern könnte, dass von unserer Seite aus alles geschehen ist. Wenn der Einsatz dann doch hier und nicht dort geleistet werden muss, gehört er eben zu den notwendigen Maßnahmen, denen wir uns alle im gegenwärtigen Zeitpunkt des Kriegs zu unterziehen haben.
Ich bitte Sie, mich Ihren Entschluss wissen zu lassen und wäre Ihnen besonders dankbar, wenn Sie mir Ihren Bescheid möglichst bald zukommen lassen könnten, damit ich entsprechend beruhigend auf die Eltern einwirken kann.“
Nachdem der zuständige Kölner Schuldirektor offenbar am 4. August Einspruch gegen den Einsatz der Schülerinnen eingelegt hatte, antwortet der Bansiner Standortführer am 11. August Folgendes:
„Auf Ihr Schreiben vom 4. ds. Mts. muss ich Ihnen mitteilen, dass eine Rückberufung der Schule nicht möglich ist. Bisher sind noch keine Anfragen aus Elternkreisen an mich gelangt u. ich glaube auch bestimmt sagen zu können, dass die Eltern, nachdem sie die unerwartete Neuigkeit einmal in Ruhe durchdacht haben, nichts gegen den Ernteeinsatz einzuwenden haben.
Sollte es zu einer Schließung der Oberstufen mit Einsatz der Schülerinnen in der Kriegswirtschaft kommen, werde ich mich bemühen, dass der Einsatz hier geleistet wird.“