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Ereignisse
1944
Juli

Ferieneinsatz im KLV-Lager Tegernsee

Am 18. Juli 1944 beginnt der „Ferieneinsatz“ von Marlen H., und Maria D., beide Referendarinnen aus München, im KLV-Lager „Alte Post“ in Tegernsee. Hierüber verfassen sie folgende Berichte:

„Vom 18.7. bis 15.8.1944 war ich im KLV-Lager Alte Post in Tegernsee eingesetzt, und zwar hatte ich im Haus Lärchenwald den Lagerleiter zu vertreten. Hier waren die Schüler der Klasse 2. untergebracht, und meine Aufgabe bestand darin, die noch hiergebliebenen 10 bis 15 Jungs zu betreuen. Ich musste mit ihnen wandern, baden und rudern. Bei Regenwetter haben wir zuweilen lustige Spiele gemacht oder vorgelesen. Auch gab es mancherlei erzieherische Arbeit. Nicht alle Jungs traten jeden Morgen mit säuberlichen gekämmten Haaren und sauberen Hosen an, und die Tischmanieren gaben viel Anlass zu Ermahnungen. Da wir erst in den letzten Tagen eine Lagerhelferin bekamen, musste ich die Buben auch öfter dazu anleiten, kleine Schäden an ihrer Kleidung selbst auszubessern. Für Ordnung und Disziplin im Lager sorgte der LMF (Lagermannschaftsführer). Hier musste ich kaum eingreifen.

Neben dieser Tätigkeit hatte ich zwei Förderkurse in Mathematik für schlechte Schüler der Klassen 4. und 5. zu halten. Die Anzahl der hier beteiligten Schüler war sehr verschieden. Sie schwankte zwischen 11 und 3 Jungs in einem Kurs.

Bei der Führung meines Lagers hatte ich nun die Gelegenheit, eine Anzahl von Jungs im Alter von etwa 11 Jahren doch ziemlich genau kennenzulernen. Da gab es lebhafte und stillere, sehr kindliche und schon etwas reifere. Sehr interessant war es, bei Gesellschaftsspielen die einzelnen zu beobachten, besonders dann, wenn das Spiel darauf hinausging, einen Mitspieler zu erschrecken, und dieser schon ahnte, dass irgendetwas kommen würde.

Im Allgemeinen fand ich, dass die Jungs sehr gut erzogen waren. Oft staunte ich, wie gut sie gehorchten. Als Beispiel sei das Folgende erwähnt. Wir gingen zum Baden, um das schöne Wetter auszunützen, gleich nach dem Essen. Nun setzte ich eine bestimmte Zeit fest, während der niemand ins Wasser gehen durfte. Nach einigem Betteln erreichten die Jungs jedoch, dass sie mit den Füßen plantschen durften. Nun war die Versuchung, ganz unterzutauchen doch ziemlich groß, dass es aber trotzdem niemand tat, wunderte mich eigentlich.

Unser Lager ist von der Belegschaft selbst nett hergerichtet. Besonders die Türen sind mit hübschen Schildern versehen, und jede Stube hat ihren eigenen Charakter. Viele Sprüche sind an den Wänden aufgehängt, die auf Soldatenstolz und Pflichtbewusstsein hindeuten, aber fast alle sind so schwer, dass die Jungs sie inhaltlich unmöglich verstehen können.

Für Ordnung im Lager sorgte der LMF. Bis auf einige Ausnahmen waren die Buben auch recht ordentlich. Sehr nett fand ich folgende Beobachtung. Die Mutter eines Schülers war an dessen Schublade gewesen und hatte seine Hemden nicht ganz Kante auf Kante gelegt. Als sie die Schublade schließen wollte, bat der Junge, sie solle noch auflassen, er müsse noch etwas aufräumen und legte die Wäsche vorschriftsmäßig hin. Manches jedoch sehen die Kinder noch nicht, z.B., wenn etwas herumliegt, die Decke auf einer Kommode verschoben ist, oder die Schemel im Tagesraum nicht an Ort und Stelle stehen. Es waren zwar ein Saaldienst und ein Flurdienst eingerichtet, aber ich beauftragte lieber irgendeinen Schüler damit, Ordnung zu schaffen, denn alle sollen doch so etwas sehen und von sich aus beseitigen.

Große Schwierigkeiten macht es den Jungs in diesem Alter schon ihre Kleidung selbst sauber zu halten. Die meisten besitzen etwa zwei oder drei Hosen. In einem Tage wird aber oft schon eine Hose so, dass sie einer gründlichen Reinigung bedarf. In die Wäsche gegebene Hosen kommen aber oft erst nach längerer Zeit zurück. Da fehlt eben doch die Mutter, die am Abend alles wieder sauber macht.

Dass die Kinder Heimweh hätten, habe ich nie bemerkt, nur bei einem neuen Schüler der Klasse 1, den ich oft alleine sehe, wenn die anderen beisammen sitzen, bin ich mir nicht ganz klar darüber.

Mit einer soldatischen Strenge werden die Jungs von ihrem LMF erzogen. Man merkt auch, dass die Erziehung innerhalb einer Gemeinschaft besonders gut ist. Auch die soldatische Strenge ist gut, jedenfalls zeigt sich ihr Erfolg. Doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein verständnisvolles freundliches Wort zuweilen dasselbe leistet. Einer der Jungs gab oft Anlass zum Schelten, einmal sogar zu einer Strafe. Danach sprach ich freundlich zu ihm und ermahnte ihn, sich zu bessern. Von dem Tage an war er ganz besonders zuvorkommend, und wenn ich einmal von einem eine besondere Hilfeleistung brauchte, war er immer der erste, der sich dazu meldete.

Die Einrichtung, dass die Jungs in der Küche mithelfen müssen und auch der Heimleiterin zur Hand gehen sollen, wo es Dinge betrifft, die zur Pflege ihres Lagers gehören, finde ich sehr gut. Sie lernen dadurch frühzeitig kleine Pflichten zu übernehmen und für die Gemeinschaft zu arbeiten.

Die Erziehung durch den LMF hat den Vorteil, dass einmal dem Lagerleiter viel Arbeit abgenommen wird und die Erziehung aus der Gemeinschaft heraus erfolgt. Auch wird dadurch, dass der Lehrer nicht die ganze Erziehungsarbeit allein übernehmen muss, dieser von den Schülern viel mehr geschätzt werden.

Überhaupt habe ich die Beobachtung gemacht, dass das Verhältnis der Schüler zum Lehrer hier sehr viel netter ist, als in einer gewöhnlichen Schule. Der Schüler ist viel aufgeschlossener, und das Verhältnis ist von vorneherein ein freundschaftliches.

Die Freizeit, die die Kinder haben, soll wohl dazu dienen, dass sie sich ihrer individuellen Begabung entsprechend beschäftigen. Ich habe aber öfter bemerkt, dass sie nicht wissen, was sie anfangen sollen und viel lieber etwas gemeinschaftlich unternehmen. Diese Beobachtung erstaunte mich etwas. Die größte Freude hatten die Buben, wenn sie Märchen vorgelesen bekamen.

Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass die Kinder gerne im Lager sind. Wenn sie wohl auch lieber zu Hause wären, so glaube ich doch, dass die Eltern den schwereren Teil bei der Trennung zu tragen haben.

Für mich war diese Zeit des Einsatzes eine schöne erlebnis- und erfahrungsreiche Zeit, an die ich gerne zurückdenken werden.“

 

„Bericht über den Ferieneinsatz 1944.

Während meines Ferieneinsatzes war ich einem Gymnasium aus Münster, das nach Tegernsee verschickt ist, zugeteilt worden. Da mein Aufenthalt mit der unterrichtsfreien Zeit zusammenfiel, sah ich vom eigentlichen Schulbetrieb nichts. Aber umso besser lernte ich Buben kennen, besser, als mir dies bei normalen Schulverhältnissen je möglich gewesen wäre. In allen Lebenslagen und Zuständen des kindlichen Tagewerks sah ich sie, vom Weckruf bis zum Zapfenstreich, ungewaschen und verrauft, strahlend ordentlich zum Appell bereit, aufgeweicht und durchnässt bei verregneten Ausflügen, braun gebrannt, sich in der Sonne räkelnd; ich lernte ihre innere Sauberkeit und Anständigkeit kennen, ihre aufrichtige Ritterlichkeit und ihren schönen, leuchtenden Lebensmut.

KLV ist aus der Not der Zeit geboren, zum Schutz unserer Jugend vor Bombenterror. Fern der bedrohten Städte soll sie heranwachsen dürfen, umgeben von Bergen und Wäldern, gesund und ruhig, soll Lebensfreude und Zuversicht ungestört entwickeln dürfen.

Dieser Notstand bringt hin und wieder wohl einige Mängel in der Unterkunft und den Schulräumen mit sich. Es mussten eben Häuser beschlagnahmt werden, die nicht von vornherein zu diesem Zweck erbaut wurden und ihm also auch nicht restlos entsprechen können. Doch hat man entschieden den Eindruck, dass das Möglichste getan wird, um den Kindern eine Heimat in der Fremde zu bereiten. Ordnung, Sauberkeit und gute Disziplin tragen vor allem dazu bei. Aber auch die Jungen bemühen sich, ihre Stuben freundlich und wohnlich auszuschmücken, wobei erfreulicherweise viel Wert auf eine innige Verbindung mit dem Heimatgau gelegt wird.

Es ist m.E. nach ein Hauptproblem der KLV, Heimat in der Fremde zu werden. Immer wieder flackert in den Erzählungen der Kinder das Heimweh auf, wenn es auch als "unmännlich" gilt, es direkt einzugestehen. Gerade für den heranwachsenden Menschen ist doch das Heimatgefühl, das Gefühl des Schutzes und des Geborgenseins wichtigste Lebensluft. Kindheitserlebnisse sind entscheidend für das ganze Leben, ein glückliches vertrautes Heimaterlebnis des Kindes wird zum tragenden Grund für sein ganzes Leben, aus dem es in schwerer Zeit Kraft ziehen kann; über die Heimat gelangt der junge Mensch zum großen deutschen Vaterland. Dass es den Münsterischen Schulen in Tegernsee gelungen ist, das Gefühl entwurzelten Getriebenwerdens bei ihren Jungen auszuschalten, ja die Verbindung mit Westfalen umso inniger und fest zu knüpfen, habe ich immer aufs neue bewundert.

Gerade dieses Heimatgefühl den Kindern zu erhalten, ist wohl auch vornehmste und verantwortungsvollste Aufgabe des Lagerleiters. Mit der Persönlichkeit des Lagerleiters steht und fällt meiner Erfahrung nach die KLV. In seinen Händen liegt vielleicht weniger das leibliche Wohl seiner Schützlinge, das Angelegenheit der Organisation ist, umso mehr aber die seelische Betreuung der jungen Menschen. Er ist Vater und noch mehr Mutter für sie, der Mann für alle Schmerzen. Zu ihm wird jeder Kummer getragen, die Magenverstimmung so gut wie die Sorge um den kämpfenden Vater an der Front. Er teilt die jugendliche Begeisterung für Helden und Taten, teilt jedes Kinderleid, das oft so groß und tragisch werden kann, weil es so hilflos ist, teilt die Kämpfe und Zwiespältigkeiten erwachenden Bewusstwerdens, er teilt die Freude über jedes Paket von zu Hause, über jeden guten Witz, über jeden Besuch der Mutter. Für alles erwartet man von ihm Verständnis, eine nie versagende, an Allmacht grenzende Hilfe. Von ihm allein hängt Freude oder gedrückte Stimmung im Lager ab. Aber ebenso grenzenlos wird das Vertrauen, ist die Enttäuschung, ja Erbitterung, wenn ein Lagerleiter der kindlichen Erwartung nicht entspricht. Es ist ergreifend, mit welcher Liebe und Verehrung Kinder von ihrem Lehrer sprechen, der ihnen hier im KLV-Lager zum Freund und Helfer geworden ist, wie er es im normalen Schulbetrieb nie geworden wäre. Ich hatte während der kurzen Zeit meines Aufenthalts das Glück - und ich achte es wirklich als Glück - das Vertraue meiner Buben zu erwerben. Mit rückhaltloser Offenheit erzählten sie mir von ihren Erfahrungen während eines Jahres KLV.

Aus diesen Erzählungen, noch mehr aber aus der Beobachtung meines Lagerleiters machte ich die Erfahrung, wie unendlich dankbar der junge Mensch ist für jedes Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, wie gerne er anständig ist, wenn man ihm anständig begegnet, wie empfindlich er ist gegen willkürlichen Druck und verständnislose Härte, wie bereit und empfänglich für eine vernünftige, freundliche Auseinandersetzung, wie zuverlässig und gehorsam, wenn man ihm nur Gelegenheit gibt, sich zu bewähren.

Ich sagte, KLV steht und fällt mit dem Lagerleiter. Er ist es auch der den Ton im Lager bestimmt. Was mir in meinem Lager am besten gefiel, war der schöne, ich möchte unbedingt sagen, vornehme Ton, der den gesamten Tagesablauf beherrschte. Nicht nur dem Lehrer gegenüber war Höflichkeit selbstverständliche Gewohnheit, sondern auch der Verkehr der Buben untereinander war durch freundliche Zuvorkommenheit, durch herzliche Kameradschaft geregelt. Als ein Kleiner wegen leichter Unpässlichkeit das Bett hüten musste, verzichteten die Buben auf das abendliche Geschichtenerzählen, damit ihr Kamerad nicht eine Fortsetzung verlieren sollte. Auch auf das begehrte Vergnügen des Schwimmens verzichteten einige, um dem Patienten während des Nachmittags Gesellschaft zu leisten.

Natürlich gab es Keilereien und Balgereien, man verulkte und verboxte sich, nie aber erlebte ich eine Rüpelei, ganz abgesehen von irgendwelchen Rohheiten. Dazu kam eine wirklich freudige Dienstbereitschaft im Haus, beim Stubendienst und dem unbeliebten Kartoffelschälen. Obwohl manchmal von geradezu verblüffender Wohlerzogenheit, waren es keine "Musterknaben", sondern richtige frische Lausbuben voll unbekümmerter Daseinsfreude und Aufgeschlossenheit.

Ich selbst hielt bei schlechtem Wetter einen Förderkurs im Rechtschreiben. Sonst half ich "Ferien gestalten", durch Spaziergänge, Rudern, Schwimmen und bei Regenwetter Geschichten erzählen. Mit großer Genugtuung und Freude erfüllt mich die Tatsache, dass es mir gelungen ist, eine nicht immer leicht zu handhabende Bande von 13-jährigen Dickköpfen ohne "Krach" in Zucht und Ordnung zu halten. Ich kam nach den Ereignissen während der letzten Angriffe auf München, die mir meine Heimat kosteten, nicht unter günstigen Vorzeichen nach Tegernsee, aber die blanken Augen meiner Buben wurden mir zum größten und wirksamsten Trost, für den ich ihnen zum Dank verpflichtet bin.

So sei zum Schluss ein kleines, schlichtes Erlebnis erwähnt, das mich im Innersten ergriff und eigentlich beschämte: Bei einer Bootsfahrt verlor ich für einige Zeit eines unserer Boote aus den Augen. Ich wandte mich etwas besorgt an den Jungen in meinem Kahn: "Die anderen werden doch keinen Unfug machen?" Da sah er mich groß an: "Wir haben Ihnen doch versprochen, keinen Unfug zu machen, dann können Sie sich doch darauf verlassen, dass wir es nicht tun." -

Ich finde, wir können sehr stolz sein auf unsere Jungen im KLV.“

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