SD-Abschnitt Koblenz berichtet über die KLV
Am 7. April 1944 berichtet der Abschnitt Koblenz des Sicherheitsdienstes der SS:
„Kinder-Landverschickung:
Für den Bereich des Stadtgebietes Trier soll die Kinder-Landverschickung wieder in großem Umfange durchgeführt werden. Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, wurden Versammlungen einberufen, in denen die Eltern der in Frage kommenden Kinder auf die Notwendigkeit der KLV hingewiesen wurden. Von den hier stattgefundenen Besprechungen kann einheitlich gesagt werden, dass die Elternschaft, von einer verschwindend geringen Zahl abgesehen, sich gegen die Kinder-Landverschickung aussprach und vereinzelt in ziemlich rigoroser Tonart protestierte.
Ein Mitarbeiter, der Beauftragter für die KLV ist, gab über den Verlauf einer Besprechung zwischen den Beauftragten der KLV und der Elternschaft folgenden Bericht, der die allgemeine Lage in Hinsicht auf die KLV in Trier beleuchtet: Die am Freitag, den 17.3.1944, in der „Treviris“ - 19 Uhr einberufene Elternversammlung der beiden Schulen Trier-Mitte und Deutschherren bewies, wie viel Abneigung in Trier in gewissen Kreisen der Elternschaft gegen die KLV besteht. Der weite Saal der Treviris war fast voll besetzt. Es waren nicht nur Angehörige der Kinder beider Schulen erschienen, sondern auch andere, die aus reinem Wissensdrang oder auf Anraten kirchlicher Kreise gekommen waren. Letztere waren unschwer schon beim Betreten des Saales leicht von geladenen Eltern zu unterscheiden - und zwar an ihrem dreisten und heiter - ironischen Gesichtsausdruck!
Der Rektor Hemmerling als Vertreter der Regierung und der beiden Schulen, durch Kreisamtsleiter der NSV, Pg. Müller, durch Gebietsinspekteur Oberbannführer Pg. Birgitsch und Kreisleiter A. Müller wurden alle Anwesenden von der dringenden Notwendigkeit und der Art der Schulverlegungen nach Echternach für die Jahrgänge 5-7 und nach Ortschaften der Kreise Trier-Land, Bernkastel, Bitburg, Prüm und Saarburg zu Bauernfamilien für die Jahrgänge 1-4 unterrichtet. Zur Klärung der Maßnahmen wurden einzelne stichhaltige Fragen zugelassen, aufnotiert und anschließend beantwortet. Am unbeliebtesten scheint die Unterbringung der Grundschüler bei Familien auf dem Lande zu sein, obwohl die NSV einwandfreie Quartiere und Pflegestellen ausfindig gemacht hat, die infolge sorgfältiger Auswahl und Beachtung der Freiwilligkeit durchaus zufriedenstellend sein könnten. Nebenbei wurden auch die Unterbringungen bei Verwandten zugebilligt. Die Beantwortung der Fragen nahm hauptsächlich der Kreisleiter vor. Dabei kam es oft zu Unruhe und Erregung. Man sah neben zahlreichen „Kampfnaturen“ auch sehr viele Bekümmerte, die dauernd Tränen abwischten. Die Hauptsorge schien die religiöse Betreuung der Kinder zu machen. Als man hierbei größtes Entgegenkommen auch bezüglich der Vorbereitung auf die kommende Kommunion am Weißen Sonntag zubilligte, ging es wie eine Erlösung durch die hauptsächlich vertretene Frauenwelt, die sich in spontanem Händeklatschen und Bravorufen äußerte. Wiederholt trat auch hartnäckig die „jesuitische“ Frage auf, ob ein Gesetz bestünde, wonach man zur KLV gezwungen werden könnte? Eine „Dame“ beantragte teils unter Beifall, teils unter Gelächter, der Kreisleiter möge sich eines anständigen Tones befleißigen!!, was der Kreisleiter mit bewunderungswürdiger Ruhe mit der Notwendigkeit, auch hinten im Saale verstanden zu werden, begründete. Die Stimmung war jedenfalls so, dass durch die geringste Unklugheit ein Tohuwabohu hätte entstehen können.
Voralarm und glückliche Umstände ließen es jedoch nicht so weit kommen. Jedenfalls wurde man an die Kampfzeit erinnert. Für mich war es erschütternd zu erleben, wie schwarz das Trierer Publikum noch ist und wie wenig sich bei ihm die Partei durchgesetzt hat. Man spürt nur zu deutlich, dass überstaatliche Mächte auch hier am Werk sind und alles zu sabotieren versuchen, was von der Partei kommt. Der Bischof (oder sein Vertreter) soll auch schon in einer Sonntagspredigt darauf hingewiesen haben, dass es beim Menschen nicht in 1. Linie auf einen gesunden, genährten Körper ankomme, sondern auf die Reinerhaltung (gemeint natürlich nur im kath. Sinne) und Rettung der Seele. Was nur auf die Führung der Kinder im dritten Reich gemünzt war. Die meisten Trierer werden wohl erst dann zur Vernunft kommen, wenn sie die harte Faust des feindlichen Bombenterrors verspürt haben.
Die Propaganda für die KLV erbrachte bisher nur eine Teilnahme zwischen 40 und 60 % der Kinder.
Die Eltern machen leider zu sehr von der Unterbringung bei Verwandten Gebrauch. Außerdem hat das Gesundheitsamt sehr viele Kinder als lageruntauglich erklärt.
Der Kreisleiter und alle Verantwortlichen haben versichert, dass die Kinder bestens untergebracht und betreut würden und dass etwa auftretende Mängel schnellstens beseitigt werden sollten.
Solange die Lager nicht allen notwendigen Anforderungen entsprechen, wollen der Kreisleiter und Oberregierungsrat Dr. Kern nicht die Genehmigung zur Abreise erteilen.“