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Ereignisse
1944
Mai

Bericht über Essener Schulen in der KLV

Am 25. Mai 1944 erstattet der Essener Oberstudiendirektor Trieloff als Beauftragten des Reichsstatthalters für die Essener KLV-Oberschulen in Tirol/Vorarlberg folgenden Bericht:

„Wirtschaftliches: In Innsbruck lagern für die Essener Oberschulen ca. 12 Wandtafeln, 10 Barren und Schulbänke, ich erbitte postwendend Nachricht, welche Stammlager Bedarf haben mit Angabe der Stückzahl.

Die verschiedenen Reisekostenrechnungen für Dienstreisen, Reisen wegen Bombenschadens, Krankheiten, Erholungsurlaub usw. werden nicht mehr von der KLV-Dienststelle bezahlt. Ich habe die Anträge auf Erstattung an das Essener Schulamt weitergeleitet.

Zur allgemeinen Ausrichtung der KLV-Lager der Essener Oberschulen gebe ich in folgendem einige Erfahrungen zur Kenntnis und bitte, diese Anregungen für meinen nächsten Dienstbesuch zu beachten.

Organisation: Bei der Belegung der Lager muss möglichst nach folgenden Gesichtspunkten verfahren werden:

a) Die Lagermannschaft muss aus geschlossenen Klassen bestehen. Der Unterricht dieser Klasse muss im eigenen Lager stattfinden.
b) In jedem Lager müssen zwei Lehrkräfte wohnen, die zu gleicher Zeit auch den Lagerleiter und den stellvertretenden Lagerleiter stellen.
c) Für die Klassen 1 und 2 empfiehlt es sich, die Unterrichtsverteilung so zu gestalten, dass die im Lager wohnenden Lehrkräfte auch dort den Unterricht geben.

Ordnung: Für die Aufrechterhaltung der Ordnung ist der Lagerleiter verantwortlich; es ist aber selbstverständlich, dass die übrigen Lagerlehrer den Lagerleiter hierbei unterstützen.

Die Sauberkeit im Lager muss nicht nur vom angestellten Personal geschaffen werden; es gehört zum Erziehungsprinzip des Lagers, dass die Belegschaft des Zimmers für die Sauberkeit ihres Raumes verantwortlich ist.

Haltung: Die Haltung der Jungen lässt viel zu wünschen übrig. Der Lagermannschaftsführer muss auf diesen Punkt besonders hingewiesen werden. Anzug und Stiefel müssen einen tadellos sauberen Eindruck machen. Haarschnitt und Haarpflege sind täglich zu überprüfen; besonders bei den jüngeren Schülern ist die Sauberkeit der Hände nachzuprüfen. Beim Mittagessen sind folgende Grundregeln zu beachten: Gerade sitzen, Ellbogen anwinkeln, Mund zu beim Kauen, Messerklinge nach unten.

Anständiges Grüßen (drei Schritte vorher) zeigt das Respektsverhältnis zwischen Schüler und Lehrer an. Die Jungen halten die Hände in den Hosentaschen, sogar beim Grüßen, schlendern müßig herum und zeigen eine Gleichgültigkeit Fremden gegenüber.

Besonders beobachtet und kritisiert werden: bei Begegnungen mit HJ-Führern wirkt nachlässiges Benehmen besonders peinlich. Geschlossenes Auftreten, Marschieren im Lagerverband sind Mittel, die Haltung auch des einzelnen zu fördern.

Unterricht: Der Unterricht muss methodisch gleichmäßig gestaltet werden. Hierauf muss der Hauptlagerleiter und der Leiter der Anstalt besonderes Gewicht legen. Für den Lagerunterricht kommt alleine eine sinnvoll gestaltete Arbeitsmethode in Frage. Dazu gehört in erster Linie, dass der Lehrer lebhaft und interessant – auch bei spröden Stoffen – zu unterrichten versteht. Langeweile wirkt unbedingt tötend auf das Interesse, die Aufnahmefähigkeit und den Lernwillen der Schüler. In einzelnen Fällen habe ich monotones Sprechen ohne jegliche persönliche Anteilnahme des Lehrers feststellen müssen. Hinzu kam noch ein bewusst leises Sprechen des Lehrers. Als Gründe hierfür wurden angegeben: Schonen der Stimme und der früher zur Methode erhobene Grundsatz, die Schüler dadurch zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Dies ist aber ein rein äußerliches Hilfsmittel und birgt die Gefahr in sich, dass der Lehrer bei leisem Sprechen auch inhaltlich uninteressant wird. Eine solche Einstellung des Lehrers verträgt sich überhaupt nicht mit einem lebhaften Frage- und Antwortspiel und führt bestenfalls zu einem langweiligen akademischen Vortrag.

Wir haben nicht nur Wissenstatsachen durch Einpauken zu vermitteln, sondern müssen die Schüler zum eigenen Erarbeiten, Erkennen und Forschen führen; das ist die Grundlage für jede wissenschaftliche Arbeit und damit die Hauptaufgabe einer Oberschule.

Am krassesten treten die Unterschiede der Methoden im Lateinunterricht hervor. Hier muss eine tiefere Spracherkenntnis anstelle der äußeren Formbeherrschung treten. Grundbedeutung, Sinn und Bedeutungswandel der Worte müssen den Schülern zum Bewusstsein gebracht werden; die wissenschaftlichen Fremdworte unserer Sprache müssen hier besonders beachtet werden, mit anderen Worten: Es ist immer auf den Stamm oder die Wurzel eines Wortes zurückzugehen; das Wort muss in seinen Abwandlungen verfolgt werden. Dadurch wird die Anwendung von unverstandenen Schlagworten und Phrasen vermieden.

Im Geschichtsunterricht genügen nicht allein Tatsachen; auch hier muss das innere Geschehen, Ursache und Wirkung, also das Organisch-Dynamische, im Vordergrund stehen. Überall muss die Beziehung zur Gegenwart hergestellt werden.

Biologie darf nicht nur Botanik und Zoologie sein, sondern muss die Grundlage unserer Weltanschauung bilden, sonst hat das ganze Fach keinen Zweck.

Am schlimmsten steht es mit dem Unterricht in den künstlerischen Fächern, und hier besonders in der Musik. Die Jungen haben z.T. nicht einmal Kenntnis der einfachsten Volkslieder. Das bedeutet eine seelische Verarmung, die wir uns unter keinen Umständen gestatten können. Hier muss durch Chorsingen, Deklamationen und künstlerische Anregung von Seiten der Lehrer unbedingt Abhilfe geschaffen werden. Bei meinem nächsten Dienstbesuch erwarte ich einen künstlerisch gestalteten Lagerabend, der neben jungenhaften, urwüchsig-fröhlichen Scherzspielen auch ernstere Deklamationen, Lieder, Ausstellung von Zeichnungen, Klaviervorträge von begabten Schülern und, wenn es geht, ein Laienspiel umfasst. Es kann auch ein Kapitel aus der Schulchronik vorgelesen werden. Jedenfalls muss die bisher vielfach gebotene Klamotten-Komik solcher Abende verschwinden.

Vielfach habe ich beobachtet, dass geistloses Skatdreschen die einzige Beschäftigung von Schülern in der Freizeit ist. Dankenswert sind die Versuche einzelner Kollegen, das Schachspiel zu fördern oder in kleinen Arbeitsgemeinschaften andere geistige Anregungen zu geben. Hierdurch kommt der Lehrer seinen Schülern auch menschlich näher. Ohne eine solche persönliche Fühlungnahme geht es im Lager nicht. Der Lehrer muss hier alle Aufgaben erfüllen, die sonst der erweiterte Kreis des Elternhauses und der Heimatstadt den Jungen gibt. Dazu gehört auch die Betreuung der Schüler im sogenannten Silentium. Der Schüler muss die Möglichkeit haben, sich auch außerhalb des Unterrichtes vertrauensvoll an seinen Lehrer zu wenden. Briefe der Eltern kommen immer wieder auf diesen Punkt zurück und machen die KLV und die Schulen für ein Nachlassen der Jungen verantwortlich.

Bei meinem nächsten Dienstbesuch hoffe ich feststellen zu können, dass obige Anregungen beachtet worden sind. Ich werde die Schüler, die voraussichtlich das Ziel der Klasse nicht erreichen, einer besonderen Prüfung unterziehen. Zu meiner Information sind mir die Klassenarbeiten dieser Schüler vorzulegen und etwaige Förderklassen vorzuführen.

Also in kurzen Worten: Ordnung, Sauberkeit, Haltung, einheitliche Unterrichtsgestaltung, Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und Lehrer; das Lager als Ersatz des Elternhauses; Förderklassen; geistige Anregung und Erholung in der Freizeit; geistiger und seelischer Aufschwung durch künstlerische Lagerabende.“

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