Bericht OfJ Köln-Lindenthal zur Situation der LWH
Die Betreuungslehrer Föcher und Dr. Bourfeind geben Anfang 1944 einen Bericht über die Lage der LWH der Oberschule für Jungen in Köln-Lindenthal:
„Vorbemerkung.
Nachstehender Bericht wurde von dem Unterzeichneten auf Grund seiner persönlichen Notizen gefertigt. Da Klassenbücher erst Ende Nov. 1943 geliefert werden konnten, sonstige Unterlagen aber nicht vorhanden sind, können die genannten Zahlen nur Anspruch darauf erheben, in etwa zu stimmen. Die Angaben wurden mühsam für die Zeit von 16.8. bis 16.12.43. rekonstruiert (lt. Vfg. des Oberpräsidenten, Abt.f.höh.Schulw.) und in den nachstehenden Bericht übernommen.
I. Unterrichtsfragen.
1). Fehlen im Unterricht. Es fehlten durchschnittlich 20 % der Schüler im Unterricht, und zwar teils infolge Beurlaubung und Freizeit, teils infolge Erkrankung. Da die Lw.-Helfer insbesondere bei der 2. Battr. anstelle herausgezogener kv. und gv.F. - Soldaten bei der Gefechtstätigkeit voll eingesetzt sind, war es der Truppe nicht möglich, die Freizeit auf die unterrichtsfreien Tage zu legen; dadurch stieg natürlich der Hundertsatz der Fehlenden an. Der Gesundheitszustand war im allgemeinen, abgesehen von einigen leichteren Erkrankungen, gut, doch gilt dies nicht für die letzte Zeit, in der die Zahl der Erkrankungen, namentlich Grippe und sonstige Erkältungskrankheiten, wie auch bei der Zivilbevölkerung, stark anstieg. Durch diese Umstände erklärt sich die hohe Zahl der Fehlenden.
2). Ausfall durch Alarm. Es fielen rund 13 % der Stunden infolge vorausgegangenen Nachtalarms bezw. wegen Alarms in der Unterrichtszeit aus. Nachdem im Herbst 1943 die Anordnung getroffen war, dass der Unterricht ohne Rücksicht auf vorausgegangenen Nachtalarm durchzuführen und den Lw.Helfern als Ausgleich Bettruhe am Nachmittag anzusetzen sei, sank der Ausfall an Stunden, doch wirkte sich diese Maßnahme selbstverständlich sehr ungünstig auf den Gang der Unterrichtsstunden aus, da die Schüler z.T. übermüdet zum Unterricht kamen. Die nachträgliche Bettruhe ist dafür kein Ausgleich. In einem Falle musste der Unterzeichnete den Unterricht in der ersten Stunde abbrechen und die Batterien bitten, die Lw-Helfer wieder zu Bett zu schicken, da sie mit kurzen Unterbrechungen die ganze Nacht über im Einsatz waren und im Unterricht einschliefen; die Batterien hatten an diesem Morgen dienstfrei.
3). Bücher und Lektüre. Die Beschaffung war schwierig, z.T. unmöglich, doch ist dies natürlich nicht auf den Einsatz bei der Flak, sondern auf die durch den Krieg und besonders in Köln durch die Terrorangriffe bedingten allgemeinen Schwierigkeiten zurückzuführen. Die Kollegen haben sich z.T. dadurch geholfen, dass sie die betr. Bücher in kleiner Zahl zur Verfügung stellten, sodass auf etwa 3 - 4 Lw.H’er je 1 Buch entfiel, in das sie beim Unterricht gemeinsam Einsicht nahmen und ebenso bei der Arbeitsstunde, die sie ja gemeinsam in ihrer Unterkunft verbrachten.
4). Arbeitsstunden. Sie waren regelmäßig in den Dienstplan eingebaut und durchgeführt. Wenn in seltenen Fällen die Arbeitsstunde aus dienstlichen Gründen ausfallen musste, so wurde den Lehrern davon durch mündliche Mitteilung oder durch Eintrag im Klassenbuch Mitteilung gemacht.
II. Unterbringungsfragen.
1. Räumlichkeiten für den Unterricht. Geeignete Unterrichtsräume sind vorhanden, und zwar in Form von Kantinenräumen. Leider liegt dieser Raum bei der 6.Battr. unmittelbar neben der Küche, sodass öfters der Unterricht durch die unvermeidlichen Küchengeräusche (Klopfen, Hämmern, Reden usw.) beeinträchtigt wurde.
2. Verpflegung. Die Verpflegung ist (im Vergleich zu der der Zivilbevölkerung) gut und reichlich, was sich auch in dem guten Aussehen und der körperlichen Verfassung der Schüler zeigt.
3. Marken in der Freizeit. Die Lw.-Helfer werden während ihrer Freizeit in der Verpflegung abgesetzt und erhalten daher stets die entsprechenden Lebensmittelmarken.
III. Urlaubsfragen. Alle Luftwaffenhelfer haben im Jahre 1943 zweimal je 14 Tage Urlaub (+ 2 Reisetage) erhalten. Die Batterien haben verständnisvoll Wert darauf gelegt, schwache Schüler nach Möglichkeit während der schulfreien Zeiten zu beurlauben, und sich zu diesem Zweck entsprechende Schülerverzeichnisse von dem Unterzeichneten erbeten.
IV. Bekleidung. Die Bekleidung, einschließlich der Unterwäsche, ist in Ordnung. Letztere wird von der Truppe zur Wäscherei gegeben. Knapp ist das Stopfgarn für Strümpfe, das den Batterien nur in sehr geringen Mengen geliefert wird. Leider sind den Batterien vor einiger Zeit 50 % der schweren Übermäntel weggenommen worden. Die Batterien haben sich dadurch zu helfen versucht, dass Übermäntel beim Einsatz nur an diejenigen ausgegeben werden, die am Kommandogerät und an den Geschützen eingesetzt sind, während die in der Umwertung und Vermittlung, also in geschlossenen Räumen Tätigen keine Übermäntel erhalten. Doch hat auch hierzu die Zahl der noch vorhandenen Übermäntel nicht ganz ausgereicht. Die Folge ist die, dass einzelne Lw.-Helfer in ihren leichten Ausgehmänteln am Geschütz Dienst machen müssen. Diese sollen nunmehr mit den Übermänteln der Beurlaubten und Erkrankten versehen werden.
VI. Auswärtiger Einsatz: Fehlanzeige.
Meldung über Personalveränderungen wurden der Schule über die Betreuungslehrer nicht mitgeteilt; sie mussten von letzteren stets bei den Batterien erfragt werden.
VII. Verhältnis Batteriechef-Schüler-Soldaten im Allgemeinen korrekt. Die Battr.Chefs sind um die Luftw.Helfer besorgt, zumal sie als tüchtige und gewandte Mitarbeiter schätzen. Das Verhältnis zu den Soldaten war zunächst hier und da etwas gespannt, da die Schüler z.T. nicht den rechten (bescheidenen) Ton gegenüber den älteren Leuten fanden. Inzwischen hat sich dies bereinigt. (…)
VIII. Unterrichtserfolg ist in allen Fächern gering. Gründe:
a) die Doppelbelastung gegenüber den Schülern, die sich ganz dem Unterricht widmen können, b) das viele Fehlen, besonders infolge des in die Unterrichtszeit fallenden Urlaubs, c) der Ausfall an Stunden. Zu meinen Fächern bemerke ich, dass die Schüler in Mathematik erheblich hinter dem Unterrichtsplan zurück sind; in Physik und Chemie sind die Erfolge noch geringer, da ein Experimentalunterricht infolge der Zerstörung der Schulen nicht möglich ist. Es ist auch nicht mehr möglich, die Schüler (wie im Sommer 1943) an einer Schule in Physik und Chemie zu unterrichten; in diesem Falle würde nämlich die Einsatzbereitschaft der Batterien in Frage gestellt, zumal die feindlichen Luftstreitkräfte in letzter Zeit sehr viele Tagesangriffe während der morgendlichen Unterrichtsstunden durchführen.
b) Sehr bewährt hat sich die bei der 2. Battr. geschaffene Stelle eines „Betreuungsunteroffiziers“. Es ist dies ein älterer Unteroffizier, der die höhere Schule besucht hat, und dem die Schüler ihre kleineren und größeren dienstlichen Sorgen vortragen können.
[gez.] Föcher
Klasse 6. Flakhelfer
Der Besuch des Unterrichts war im Allgemeinen regelmäßig. Das Fehlen von Schülern infolge von Krankheiten hielt sich in den auch im sonstigen Schulbetrieb beobachteten Grenzen.
Stärker bemerkbar machte sich das Fehlen infolge des Jahresurlaubs von 16 Tagen bemerkbar.
Alarm hat den Unterricht nicht wesentlich beeinträchtigt. Bücher und Lektüre sind sehr schwer oder fast gar nicht zu beschaffen.
Alle Umstände zusammen genommen gestalten den Unterricht schwierig und schleppend.
Die Räumlichkeiten für den Unterricht reichen aus. Die Heizung lässt oft zu wünschen übrig besonders, wenn die benutzten Kantinen sich als zu groß erweisen.
Über die Verpflegung sind Klagen nicht laut geworden, sie ist nach eigener Erfahrung ausreichend und gut.
Urlaubsfragen wurden in gegenseitigem Einverständnis geregelt.
Die Bekleidung ist bis auf einen Fall, wo ein Wintermantel für die Wache nicht sofort zu beschaffen war, in Ordnung.
Der Batteriechef zeigt volles Verständnis für die Bedürfnisse und Schwierigkeiten des Unterrichts. Das Verhältnis zwischen Schülern und Soldaten gab zu Klagen keinen Anlass.
Der Unterrichtserfolgt ist den Umständen entsprechend ausreichend. Das Gemeinschaftsleben verhindert allerdingt ruhiges und ungestörtes Arbeiten der Schüler, sodass fast alles im Unterricht selbst erarbeitet werden muß. Für den Lehrer, besonders in fortgeschrittenen Jahren, stellt der größere Anmarsch abseits der Bahnverbindung, das Warten auf die Bahnanschlüsse, besonders bei großem Andrang in den Hauptverkehrszeiten, das ungewohnte Ausgesetztsein von stark wechselnden Witterungseinflüssen zumal in der schlechten Jahreszeit, eine starke gesundheitliche Gefährdung dar. Auch ist die Kleidung in den meisten Fällen für solche Verhältnisse nicht ausreichend oder nicht darauf eingestellt.
[gez.] Dr. Bourfeind“
Berichtet wird über Schüler der Klasse 8:
„I.1. Oft nur 50 % der Schüler anwesend ([unleserlich], Urlaub, Freizeit, Heranziehung zum Flugmeldedienst während des Unterrichts.
2. Der Ausfall durch Alarm war verhältnismäßig gering.
3. Erst im Dezember hatten alle Schüler Geschichts-und Erdkundebücher. Letztere konnten nur aus dem Privatbesitz der Lehrer beschafft werden.
4. Arbeitsstunden werden nur sehr unregelmäßig gegeben und im Dienstplan nicht festgelegt. Meist weist man auf die Freizeit hin (letzteres unsicher, Anmerkung d. Bearbeiters)
II. 1. Die Räumlichkeiten des Unterrichts reichen für die (?) Klasse aus.
2. Die (unleserlich) sind in letzter Zeit fortgefallen.
3. Tageskarten werden jeden Tag in der Freizeit ausgegeben und (unleserlich) 40 Gr. (unleserlich) und täglich Weißbrot.
III. Monatliche Freizeit
1 x 48 Studen 1 x 24 Stunden 2 x 2 Stunden Im übrigen 2 x 16 Tage Urlaub (...)
VII. Das Verhältnis zu dem Batteriechef ist gut, ebenso zu den Soldaten.
VIII. Der Unterrichtserfolg ist in Anbetracht der starken Ablenkung und der wenigen Unterrichtsstunden gering.“