Emigranten zum Kriegseinsatz der Jugend
Im Mai 1944 äußert sich Max Oppenheimer, Mitglied der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien“, in der Zeitschrift „Freie Tribüne“ über den Kriegseinsatz der deutschen Jugend. Er schreibt:
„Totale Mobilmachung und deutsche Jugend
6 Millionen deutsche Jugendliche unter 20 sind heute in der Kriegsindustrie beschäftigt. Diese Anzahl allein, die etwa 25 % aller Beschäftigten entspricht, macht sie zu einem bedeutsamen Faktor. Die Nazis brauchen diese Jugendlichen nicht nur als einfache Arbeitskräfte. Sie setzen sie in Schlüsselstellungen ein, wo sie Verantwortung zu tragen haben und wo sie die ‚Herrenmenschentheorie’ in ihrer Position als Vorarbeiter und Aufseher für ausländische Arbeiter und Frauen in der Praxis anwenden. Neben dieser industriellen Führerstellung hämmert ihnen die Nazi-Propaganda immer wieder ein, dass sie auch ‚weltanschauliche’ Aufgaben hätten, dass sie auf Grund ihrer völligen national-sozialistischen Erziehung die Verpflichtung hätten, die ‚moralischen Führer’ zu sein, die die älteren Arbeiter immer wieder anfeuern. ‚Durch freudige Arbeit der Jugendlichen werden die Erwachsenen wieder aufgemuntert, und sie helfen dadurch, uns moralisch stark zu erhalten’ Gauleiter Hildebrandt, Schwerin, in einer Rede am 22.12.43. Der nächste Schritt in der totalen Mobilisierung der Jugend, der am krassesten erkennen lässt, wie weit die faschistischen Machthaber zu gehen gewillt sind, war eine Verordnung, die das Heranziehen selbst von 10-jährigen Kindern für bestimmte, einfache Arbeiten ermöglicht. ‚Heute arbeiten selbst die 10-jährigen in ihrer eigenen Weise für den Kriegseinsatz. Das ist ein klarer Ausdruck der Stärke unserer Nation,’ prahlte Reichsjugendführer Axmann in Berlin am 15.1.1944.
Aber die 14-18-jährigen sind mit ‚freudigen Arbeiten’ allein noch lange keine qualifizierten Arbeiter. Die Lücken, entstanden durch die Riesenverluste an der Front und die Luftangriffe zuhause, machen sich trotz totaler Mobilisierung des Handwerkerstandes, trotz ausländischer Sklaven und trotz der Kinderarbeit bemerkbar. Die Intensivierung der Produktion mit derselben Anzahl von Arbeitskräften wird mehr und mehr zum Kernproblem der Naziwirtschaft. Deshalb ging man daran, die schon etwas in Vergessenheit geratenen Reichsberufswettkämpfe wieder auszubauen, nicht nur um sie als Ansporn und Schulung, sondern um sie auch gleichzeitig als Kontrolle zu benutzen.
Äußerst aufschlussreich sind die Argumente, die benutzt werden, um diese Wettbewerbe den Jugendlichen mundgerecht zu machen.
‚Arbeitende deutsche Jugend! Unser Vorbild ist das Heldentum der deutschen Soldaten und unsere Pflicht ist es, uns diesem Heldentum bei unserer Kriegsleitung zu Hause wert zu zeigen!‘...
‚Vormilitärische Ausbildung und Produktionssteigerung am Arbeitsplatz sind die Eckpfeiler des Kriegseinsatzes der H.J.’. So heißt es in einer Proklamation Adolf Hitlers an die deutsche Jugend am 30.10.1943.
Ley sagte dazu folgendes am 14.1.1944: ‚Während das bolschewistische System die Jugend unter der Stachanowpeitsche bis zum letzten ausbeutet und der englische und amerikanische Kapitalismus die Jugend zur Sklavenarbeit erniedrigt, erzieht das nationalsozialistische Deutschland seine Jugend zu freien und stolzen Mitgliedern von Staat und Volk. Euer Wahlspruch muss sein: Unser Kriegseinsatz heißt Disziplin und höchste Pflichterfüllung am Arbeitsplatz.’
Bei dem Großteil der deutschen Jugend hatten die Nazis ohne Zweifel auch damit Erfolg. Zahlen, die auf einer H.J.-Versammlung am 15.1.1944 gegeben wurden, zeigen, dass von 6 Millionen Jugendlichen ca. 2 Millionen am Reichsberufswettkampf teilnahmen und dass ca. 800.000 außerhalb ihrer Arbeit an Luftschutz, Luftabwehr, Streifendienst usw. beteiligt waren. Auf der anderen Seite führte diese Überbeanspruchung jedoch zu Gleichgültigkeit, Wegbleiben vom Arbeitsplatz und H.J.-Dienst. Darüber schrieb die ‚Berliner Börsenzeitung’ am 23.9.1943:
‚Die Arbeitsmoral der werktätigen Jugend sinkt. Der Krieg stellt in dieser Hinsicht eine schwere Belastungsprobe dar. In vielen Betrieben wollen die Klagen über Respektlosigkeit und Verletzungen der Gehorsamspflicht nicht aufhören. Die Aufrechterhaltung und Gewährleistung der Arbeitsdisziplin ist in vielen Betrieben vorwiegend als Aufgabe der Polizei anzusehen.’ Daneben lässt sich aus den deutschen Zeitungen ein rapides Ansteigen der Jugendkriminalität, wie Diebstähle und Bandenbilden erkennen.
Die Maßnahmen der Nazis gegen diese Entwicklung, die beginnt, ihnen ins eigene Fleisch zu schneiden, sind Einführung von Jugendgefängnissen und Jugendpolizei in Form des H.J .-Streifendienstes. Mit welcher Brutalität sie dabei Vorgehen, ist aus folgendem Bericht der Zeitschrift ‚Die deutsche Justiz’ ersichtlich. Er behandelt die Jugendarrestvollzugsverordnung des Reichsjustizministers vom 20. Dezember 1943. Bezüglich der Jugendlichen, die zu Dauerarrest verurteilt sind, heißt es: ‚Bei seiner Ankunft hat der Jugendliche alles, was er mitgebracht hat, aufzuschreiben und abzugeben. Es muss ihm klargemacht werden, dass Schmuggeln strafbar ist. Er wird rücksichtsvoll aber gründlich durchsucht, ohne ihn auszuziehen.’ Über die ‚strengen Tage’, das ist der erste, der letzte und dazwischen jeder vierte Tag des Dauerarrests sagt die Verordnung: ‚Der Jugendliche erhält morgens, mittags und abends Wasser und Brot in ausreichender Menge. Wenn seine Gesundheit es notwendig macht, kann diese Nahrung durch eine warme Suppe am Mittag verbessert werden. Der Jugendliche bekommt ein hartes Lager auf einer hölzernen Pritsche mit einer hölzernen Kopfstütze und einer oder zwei Decken...
Wo Gewaltanwendung notwendig ist, um sofort ein Benehmen zu erzwingen, wie es die Vorschriften verlangen, soll diese auf unbewaffnetes Eingreifen beschränkt bleiben. Sollte das nicht genügen, so sollten Feuerwaffen auf jeden Fall nur zur Selbstverteidigung angewandt werden.’ Dazu muss man wissen, dass der Jugendarrest zu einer ganz alltäglichen Einrichtung im Leben eines jugendlichen Deutschen geworden ist und dass insbesondere der zu einer regelrechten Landplage gewordene Streifendienst der HJ dafür sorgt, dass niemand vor einem Jugendarrest sicher ist.
Was sind nun die Konsequenzen, die wir aus diesem kurzen Überblick zu ziehen haben?
Die elfjährige faschistische Erziehung ist tief in die Gemüter der Jugendlichen eingedrungen. Ihre übergroße Mehrheit glaubt immer noch, für Deutschland zu kämpfen und zu arbeiten, glaubt siegen oder untergehen zu müssen.
Das riesige Ansteigen der Jugendkriminalität aber ist ebenfalls ein Produkt der Nazierziehung. Obwohl es in gewisser Weise ein Losbrechen von den Nazis bedeutet, entwickelt es sich keineswegs in oppositioneller Richtung, sondern stellt ein Austoben in Verbrechen und Vagabundieren dar.
Gegen diesen Hintergrund des Fanatismus und der Demoralisierung sind wirkliche antihitlerische Regungen unter den Jugendlichen verschwindend klein. Aber Beispiele wie die Jungarbeiter, die Scholl’s Flugschriften verbreiteten, die 20-jährige Waltraud Mutterer aus Wildbad, die wegen Abhörens und Verbreitung ausländischer Radionachrichten zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde oder die Jungarbeiterinnen, die Kriegsgefangenen zur Flucht verhalfen, leuchten auf diesem Hintergrund desto heller.
Wie an der Ostfront nur intensivste Aufklärungsarbeit, die durch die furchtbaren Schläge der Roten Armee aufgelockerten Gemüter der Kriegsgefangenen beeinflussen konnte und diese zu Unterstützern des National-Komitees machte, so müssen auch hier Wege gefunden werden, den Jugendlichen, die unter den Hammerschlägen der USAAF und der RAF zu fragen und nach einem Ausweg zu suchen beginnen, zu sagen:
Hört auf, Hitler zu folgen. Verzweifelt nicht, sondern kämpft gegen die Naziführer.
Geht nicht zur Arbeit. Helft den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen! Sammelt und organisiert Euch im Kampf gegen Hitler. Beweist durch Eure Tat der Jugend der Welt, dass ihr fähig seid, Eure Zukunft in die eigenen Hände zu übernehmen!“